Wangerooge bei jedem Wetter: Wenn der Wind den Kopf freibläst

von Bernadette Olderdissen

Wangerooge bei jedem Wetter: Wenn der Wind den Kopf freibläst

Die Ostfriesische Insel Wangerooge ist nicht nur im Sommer eine Reise wert. Egal zu welcher Jahreszeit man hinfährt und unabhängig vom Wetter bläst nicht nur der Seewind den Kopf frei, sondern drücken Thalasso-Spaziergänge oder Therapien den Ausknopf bei Festländern. Seit 2014 zählt Wangerooge zu den zertifizierten Thalasso-Regionen Europas, und das Beste: Man muss nicht einmal Geld ausgeben, um die vielbeschworene Heilkraft des Meeres zu spüren.

Reisebericht

„Gott schuf die Zeit, von Eile hat er nichts gesagt.“ Vielleicht kennt ihr bei eurer Ankunft das Motto Wangerooges noch nicht, doch ihr werdet es bald spüren. Kurz nachdem die Fähre angedockt hat und sich die wenigen Wintergäste in den Wagen der Inselbahn verteilt haben. Spätestens, wenn diese in 15 Minuten mit 20 km/h durch Salzwiesen zum Hauptort bummelt. Etwas, das in der Stadt ständig präsent ist, fehlt: das Hintergrundgeräusch von Motoren. Die wenigen Benziner auf Wangerooge sind Rettungsfahrzeuge, außerdem befördert eine Handvoll Elektrowagen Gepäck oder Besucher. Ein paar der etwa 1.300 Inselbewohner sind zu Fuß oder auf Fahrrädern unterwegs, weiter hinten rauscht das Meer. Das zwar ein gemeiner Strandräuber ist, aber auch viel Gutes tut.

Das Meer, ein Räuber und Therapeut

Schon oft hörte ich auf Inseln, dass Stürme und die See Strände nach und nach abtragen, manches Mal stand ich auf nahezu strandlosen Inseln. Auch auf Wangerooge verleiben sich die Winterstürme jedes Jahr einen Teil des langen Hauptstrandes ein, doch das Wasser hat die Rechnung ohne die Insulaner gemacht: Die holen sich ihren Strand nämlich pünktlich zum Frühjahr zurück. „Ab März beginnen wir mit den Sandauffahrmaßnahmen“, berichtet Ramona Engelmeier, 28, von der Kurverwaltung. Diese dauerten bis Ende April oder Anfang Mai. „Zehnerteams arbeiten in Schichten bei Niedrigwasser und holen den Sand aus dem Osten, wo weniger Strömung herrscht.“ Dafür würden extra Dumper von Festland übergesetzt.

Doch der Strandräuber ist zum Glück auch ein günstiger Therapeut – mit Thalasso-Zertifizierung aus dem Jahr 2014. Das griechische Wort ‚Thalassa‘ bedeutet Meer, Thalasso umschreibt die Heilkraft des Meeres. Massagen, Meerwasserbäder und Schlickpackungen findet ihr im Gesundheitszentrum oder im Meerwasser-Erlebnisbad an der Promenade. Zusätzlich besteht zwischen Oktober bis Mai ein Angebot an Klimatherapien vom Luftbad zum Seebad, wobei man sich langsam an das Nordsee-Reizklima gewöhnen soll, um den Stoffwechsel anzuregen und das Immunsystem zu stärken. Doch Achtung: „Wenn zum Beispiel jemand aus Bayern kommt, sollte er es ruhig angehen lassen. Er ist dieses Klima nicht gewöhnt und schon nach zwei Stunden müde und immer hungrig“, weiß Ramona.

Doch auch wenn ihr nicht viel Geld habt, könnt ihr von der Heilkraft des Meeres profitieren: Es gibt ‚Thalasso‘ auch gratis, denn schon die Seeluft reicht aus, um die Atemwege zu öffnen. Dafür hat die Kurverwaltung eine Karte mit Thalasso-Therapiewegen rund um den Bade- und Burgenstrand oder durchs Dorf erstellt. Die genaue Reizintensität jedes Weges ist angegeben und orientiert sich daran, ob man am offenen Meer oder von Deichen und Häusern geschützt läuft. Ein guter Weg für Süddeutsche ist unter anderem der sogenannte Fußweg zum Westen. Dort verfließen Meer, Heilkraft und Inselgeschichte, denn nach wenigen Metern fällt eine Kriegsgräberstätte zum Gedenken an 20 Menschen auf, die am 25. April 1945 kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in einem Bunker starben. Einen sehr viel fröhlicheren Anblick bietet dagegen der Aussichtspunkt hinterm Bielefeld-Haus, wo die Leute bei schönem Wetter zum Sonnenuntergang zusammenkommen. Bei Sturm und Regen habt ihr ihn für euch allein.

Der längste Penis der Welt

Eine weitere Möglichkeit, das Meer aus nächster Nähe zu spüren, ist während einer Wanderung im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer, in dessen Herzen Wangerooge liegt. Wattführerin Inga Blanke ist dick eingepackt und trägt eine Hacke über der Schulter. Es geht rein in die Gummistiefel. „Man sollte grundsätzlich nur mit Wattführer ins Watt gehen“, ermahnt uns Inga. Immer wieder buddelt sie mit rotgefrorenen Fingern im schleimigen Wattboden und zaubert kleine Wunder aus dem grauen Nichts hervor. Da gibt es Wattschnecken, vier bis sechs Millimeter groß, die sogar etwas mit Kühen gemein haben, denn sie grasen am Boden Algen und die darauf lebenden Bakterien ab und gehören dadurch zu den Weidegängern.

Inga studiert zahlreiche Sand-Spaghettihaufen mit Löchern in unmittelbarer Nähe. „Hier versteckt sich ein Wattwurm. Das Loch ist der Kopf, und hinten, am Po, scheidet er den gereinigten Sand als Häufchen aus.“ Sie gräbt und hält bald einen Wurm auf der Hand. „Diese Würmer haben eine besondere Fähigkeit – sie können ihren Po abwerfen, wenn zum Beispiel eine Möwe ihn in den Schnabel bekommt.“ Und dann? Ohne Po kein Klo? Von wegen! „Der Po kann ganze 33 Mal nachwachsen. Und wusstet ihr, dass wir Menschen und diese Würmer eine große Gemeinsamkeit haben? Wattwürmer haben den gleichen Blutfarbstoff wie wir, Hämoglobin!“ Das sei Universalblut, und nun wolle man Wattwürmer absichtlich zu Blutübertragungszwecken züchten.

Inga liest ein Algengestrüpp vom Boden auf. Daran hängen Miesmuscheln – denen zu Ehren im September 2018 erstmals das „Wangerooger Miesmuschelfest“ startete, das wegen des großen Erfolgs 2019 erneut stattfinden soll – sowie graue Steine. „Das sind keine Steine, das sind Seepocken, kleine Krebse! Sie heften sich an und können sich dann nicht mehr vom Untergrund lösen, reisen als blinder Passagier auf Muscheln, Krabben, Walen oder an Booten durch die Welt.“ Als ob das nicht Luxus genug wäre, haben die Viecher noch mehr auf Lager: „Die Seepocken haben den längsten Penis der Welt im Vergleich zur Körpergröße!“ Was ich für einen Scherz halte, soll tatsächlich stimmen. „Um sich fortzupflanzen, müssen die Penisse eine weite Reichweite haben, denn die Seepocken können sich ja nicht mehr bewegen. Und so fahren sie die Geschlechtsteile aus, bis sie ein Weibchen erreichen.“

Dorf-Spaziergang

Wer sich bei richtigem ‚Schietwetter‘ lieber in der Nähe zu gemütlichen Cafés und der Möglichkeit einer Teezeit hält, kann einen Thalasso-Dorfspaziergang unternehmen, zum Beispiel mit Heike Hanken, Jahrgang 1940, einer echten Wangeroogerin. Trotzdem wurde sie nicht auf Wangerooge geboren: „Offiziell wird das niemand, wir haben nämlich kein Krankenhaus!“ Die ersten Häuser im Dorf stammen aus dem Jahr 1863, nachdem eine Sturmflut 1854/55 das erste Dorf im Westen überflutete. Wenige Meter vom Hauptplatz stoßen wir auf die Robbenstraße, die älteste Straße Wangerooges. „Hier lebte ein Robbenjäger, der die Tiere vor seinem Haus zerlegte. Deswegen stank es immer nach Tran“, erzählt Heike. Aus dem Tran habe man auch Kerzen fabriziert, und weil sie sehr sanft leuchteten, sei der Ausdruck ‚tranfunzig‘ entstanden. Ihr Elternhaus in der Robbenstraße ist das älteste im Dorf, daneben steht das Café Famoos – und davor die einzige Ampel auf Wangerooge. Zeigt sie grünes Licht, ist das Café geöffnet, Rot bedeutet, dass ihr euch den Aufstieg von wenigen Metern ersparen könnt.

Was man in der Robbenstraße auch besonders gut erkennt: Auf der Turmspitze des Alten Leuchtturms, 1856 in Betrieb genommen, steckt die Zahl 1926. „1926 wurde der Leuchtturm um fünf Meter aufgestockt, denn die Hotels an der Promenade waren so hoch geworden, dass die Schiffe den Turm nicht mehr sahen.“ Was die Seereise noch gefährlicher machte. Weil Seeleute oft nicht vom Meer zurückkehrten, hängt in der evangelischen St. Nikolai-Kirche nebenan eins der typischen Votivschiffe. „Die Seemänner, die überlebten, bauten sie nach echtem Vorbild und schenkten sie der Kirche ihres Heimatdorfs zum Dank für ihre sichere Heimkehr.“

Dabei habe das alte Dorf im Westen gar keine Kirche besessen, nur einen Kirchenraum im als Landmarke dienenden Turm. „Wichtiger waren dort die dritte und vierte Etage, wo man Strandgut sammelte – eine illegale Einnahmequelle für arme Insulaner, denn Strandgut muss man in Deutschland eigentlich abgegeben.“ Den Leuten sei es damals so schlecht gegangen, dass sogar der Pastor für einen gesegneten Strand gebetet habe. Heute braucht er das nicht mehr zu tun. Heute reicht ‚Thalasso‘. Wind um die Ohren und Gischt auf dem Gesicht. Eine Wanderung hinaus in die Wundertüte, die das Watt darstellt, oder ein netter Spaziergang mit Wangerooger Urgesteinen wie Heike Hanken. Wobei ihr bei schönstem Reizklima einen kleinen Einblick in das entspannte Leben auf einer Insel bekommt, die sich selbst den Slogan ‚Erholung ist eine Insel‘ verpasst hat. Und unrecht hat sie damit nicht.

*Diese Reise wurde unterstützt von Tourismus Wangerooge.

Informationen zum Thalasso-Angebot gibt es hier.

Dorfbummel mit Einheimischen: Zu Terminen und zur Buchung gelangt man hier.

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