Das Wandern ist des Müllers Lust oder wie ich dem Ruf des Jakobsweges erneut erlag

Das Wandern ist des Müllers Lust oder wie ich dem Ruf des Jakobsweges erneut erlag

Als ich mich im Mai diesen Jahres entschloß, meinen zweiten Jakobsweg auf der "via de la plata" in Angriff zu nehmen, wusste ich, es war wieder soweit! Der unter Wanderern oft zitierte und heraufbeschworene so gennante Ruf des Weges ereilte mich in einem Moment meines Lebens der jedoch ungünstiger nicht hätte sein können.

Reiseinspiration

Just in einem neuen Beruf gelandet, der erneute Versuch einer Beziehung und eine komplizierte familiäre Situation verlangten vom mir in Berlin zu bleiben und mich den anfallenden Verpflichtungen und neuen wie alten Aufgaben zu widmen. Aber fragte ich mich, gab es diese Lebensaufgaben - so wie ich sie nennen will - nicht zu früheren Zeitpunkten auch schon, also eigentlich immer? Und ich sagte, ja! Nur dieses Mal brauchte es neuen frischen Wind, sattgrüne Wiesen, florale Buntheit und weitläufige Panorama-Landschaften, um mir andere, neue Perspektiven zu eröffnen.

Reisevorbereitungen - wichtig, aber nicht das Wichtigste

Der Flug war schnell gebucht und kostet heutzutage kein Vermögen mehr. Seit neuestem bietet ein namhaftes Flugunternehmen gar Direktflüge von Berlin zum Startpunkt der via de la plata, Sevilla, an. Die Wanderausrüstung war größtenteils dank meines ersten Jakobsweges vor 2 Jahren auf dem Küstenweg bereits vorhanden (Rucksack, Schuhe und Wanderkleidung). Vieles, was nicht wirklich notwendig war, ließ ich gleich zuhause oder wurde durch eine leichtere Variante ersetzt, denn so lernte ich bei meiner ersten Wandererfahrung in Spanien: Alles was als Gepäck im Rucksack landet, muss jeden Meter und Kilometer auf dem Rücken getragen werden. Deshalb beschränkt man sich beim Wandergepäck besser gleich auf das Allernötigste. Trotz meiner Devise ohne akribische Vorbereitungen die Reise anzutreten, schaffte ich mir einen Reiseführer an, der neben einer stimmungsvollen Einleitung zur Geschichte und über Geist des Jakobsweges auch wertvolle Informationen zu Höhenprofil, Wegverlauf und Herbergslage in den spanischen Dörfern und Städten bereithält.

Doch das allerwichtigste Gepäckstück lässt sich nicht kaufen oder im Rucksack verstauen, sondern würde ich als mentale Einstellung bezeichnen, als ein sich-einlassen auf das Abenteuer Jakobsweg, auf das Geheimnisvolle, nicht vorhersehbare, was dieser Weg für einen bereithält. Einmal wurde mir von Jemandem, den ich auf dem Küstenweg kennenlernte, erzählt, dass er gehört habe, dass auf dem Jakobsweg Wunder geschehen sollen. Und du, fragte ich Ihn, glaubst du daran? Er verneinte. Er sollte recht behalten.

Der Weg ist das Ziel

Der eigentlich Wanderweg der via de la plata von Sevilla bis Santiago de la Compostela ist vorgegeben und gut durch gelbe Pfeilmarkierungen auf Steinen oder Häuserwänden gekennzeichnet. Auf manchen Etappen weisen auch Meilensteine oder Hinweisschilder Wegrichtung und verbleibende Kilometerzahl aus. Viele Freiwillige und Helfer der Gesellschaft der Freunde des Jakobsweges sorgen dafür, dass dies auch so bleibt. Selbst bei aufkommenden Unklarheiten bezüglich der Wegführung helfen einem die spanischen Mitmenschen oder andere Wanderer gerne aus. Niemand geht unterwegs verloren und jeder hat letztlich noch den richtigen Weg gefunden!

Bereits seit Jahrhunderten und durch alle Generationen hinweg machen sich ganz unterschiedliche Menschen aus aller Herren Länder auf den Weg, den Jakobsweg zu begehen. Auch unter den Spaniern besteht die ausgeprägte Neigung, auf ihren landeseigenen Wanderwegen zu lustwandeln, sei es zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Denn so viel steht fest: Der Jakobsweg ist international und von einer außerordentlichen kulturellen und natürlichen Vielseitigkeit geprägt, genauso wie seine Wanderer. Was macht aber nun den ganz eigenen Anreiz des Jakobsweges aus, der all diese Menschen motiviert hat, dem Alltag zu entschlüpfen, sich ein Wanderoutfit überzustreifen und diese mitunter körperlichen Strapazen aufsichzunehmen, die eine Wanderung über mehrere hundert Kilometer mit sich bringt?

Einheit in der Vielfalt

Japan, Kanada, Brasilien, Kroatien, Italien, Frankreich, Slowakei, Bayern, Thüringen, Hessen, Nordrhein-Westfalen, Berlin. Jung, alt, dick, dünn, schön, hässlich, arm, reich, Studentin, Rentner, Unternehmensberater, Verwaltungsangestellte, Pflegekraft. So unterschiedlich die Herkunft, die Berufswahl, das Äußerliche, so wenig spielt all dies eine Rolle auf dem Jakobsweg. Entscheidend ist die wahrhafte Begegnung zwischen Menschen und dem was sie in ihrem eigensten Kern ausmacht. Es gibt da die Anekdote von einem Kanadier mit dem ich eine Woche auf der via de la plata zusammen gelaufen bin und wir uns wirklich gut kennengelernt haben. Als sich unsere Wege trennten, wurde ein Abschiedsfoto geschossen, wo mir das erste Mal überhaupt seine kleine Körpergröße auffiel. Meine Überraschung war entsprechend groß.

Bewegung und Veränderung als Lebensmetapher - Ein Hoch auf den Jakobsweg!

Es ist schwer vorstellbar, welche Strecke ein gesunder Mensch heute zu Fuß an einem Tag zurücklegen kann. Was denkst Du? In Zeiten von Auto, Bahn und Bus minimiert sich die durchschnittliche Laufstrecke, die wir noch selbst bewältigen auf ein Minimum. Dabei ist es beachtlich, was möglich wird, wenn wir einmal über Zeit und Muße verfügen, nur unsere Füße zu nutzen und nichts anderes. 4 bis 10 Stunden Laufzeit oder irgendwas zwischen 15 bis 45 Kilometern Laufstrecke sind meine Erfahrungswerte. Bedenke den etwa 10 Kilo schweren Rucksack. Der Stolz darauf stellt sich von ganz alleine ein und ganz nebenbei, quasi im Vorbeigehen, werden die Sinne mit einmaligen Natureindrücken verwöhnt. Dankbarkeit für menschliche Begegnungen, unerwarteten architektonischen Blickfang und die köstliche spanische Küche gibt es gratis obendrauf. Ein Hoch auf die spanische Tapas- und Weinkultur. Ein Hoch auf die spanischen Jakobswege!

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