Fernweh und Wortreisen: Unübersetzbare Wörter aus aller Welt

Fernweh und Wortreisen: Unübersetzbare Wörter aus aller Welt

Resfeber, Hygge und Komorebi - es gibt sie, diese ganz besonderen Wörter, die in nur wenigen Silben ganze Kulturwelten lebendig werden lassen und das Fernweh wecken. Dass sie oft schlicht unübersetzbar sind, zeigt, wie fremde Sprachen und Kulturen den Horizont erweitern können - und wie schützenswert sie sind. Wir haben für dich einige der schönsten Wörter der Welt herausgesucht, die dich garantiert zum Tagträumen bringen werden!

Reiseinspiration

Reisesehnsucht

Fangen wir doch gleich mal mit Deutsch an, denn so hart und befremdlich die Sprache für andere Ohren auch klingen mag, um ein Wort beneidet uns die Welt: Fernweh. Nicht allzu viele Sprachen haben ein vergleichbares Wort, das das Gegenteil von Heimweh ausdrückt. So lässt sich die Sehnsucht nach fremden Orten, nach neuen Abenteuern und einmaligen Erlebnissen ganz prägnant auf den Punkt bringen. Typisch deutsch eben…

Das Fernweh hat sich zu konkreten Reiseplänen ausgeformt, die Koffer sind gepackt und es kann bald losgehen! Nun greift das schwedische resfeber um sich. Zugegeben, es hat große Ähnlichkeit mit dem deutschen Reisefieber, aber klingt es nicht um einiges weltmännischer, wenn man bei seinen Reiseerzählungen gleich noch ein schwedisches Wort einfließen lassen kann? Resfeber verleiht der Mischung aus Vorfreude und Aufregung Ausdruck, die einen manchmal unmittelbar vor einer Reise packt. Es ist das kribbelige Gefühl, wenn man sich auf den Weg in ein neues Abenteuer macht.

Ähnlich abenteuerlustig ist das spanische Wort vacilando, bei dem die Erfahrung an sich wichtiger ist als das Reiseziel, frei nach dem Motto “Der Weg ist das Ziel”. Reisefreudige wissen ja auch schon lange, dass die besten Erlebnisse dort anfangen, wo die Planung aufhört.

Daran knüpft das hawaiianische ‘akihi an. Alles klang so logisch, als man nach dem Weg gefragt hat und man war sich so sicher, dass alles fest im Oberstübchen eingeprägt war, doch dann läuft man los und weiß schon an der ersten Kreuzung nicht mehr, ob man nach links oder rechts gehen sollte. Prompt die Wegbeschreibung vergessen, die einem die freundliche Person so geduldig erklärt hat - schon ist man ‘akihi. Aber wer weiß, für welche Erkundungen das noch gut ist!

Natur und Poesie

Wer fern von Hektik und Getümmel reist, kann viele schöne Naturerlebnisse genießen und die Poesie einiger unübersetzbarer Wörter nachempfinden. Das deutsche Wort Waldeinsamkeit dürfte sogar so manchem Muttersprachler neu sein, drückt aber die Naturverbundenheit aus, die wir in unserer schönen neuen zubetonierten Welt nur selten empfinden können. Waldeinsamkeit ist eine angenehme Einsamkeit, in der man seine Gedanken schweifen lassen und sich in der Natur fallen lassen kann.

An sonnigen Tagen bietet sich in der Einsamkeit des Waldes ein Naturschauspiel der leisen Art, das auf Japanisch mit dem Wort komorebi bedacht ist. Komorebi sagt man zu dieser besonderen Lichtstimmung, wenn die Sonne durch das Blätterdach fällt. Schlicht und schön!

Auch aus dem Japanischen kommt das Wort boketto, ein eigenes Wort dafür, wenn man gedankenverloren in die Ferne sieht. Die Gedanken schweifen, ohne bestimmtes Ziel, ohne Druck - genau wie der Wanderer bei seiner Traumreise… Und da aller guten Dinge drei sind, hier gleich noch das japanische wabi-sabi, eine Philosophie, die einen dazu bringen soll, Schönheit im Unperfekten zu finden, das Gute mit dem Schlechten zu nehmen und die Kunst der Unvollkommenheit zu zelebrieren.

Poetisch wird es auch beim schwedischen mångata, das der Spiegelung des Mondes auf der Wasseroberfläche Ausdruck verleiht. Hach, wie schön, dass es für solche Naturphänomene in manchen Sprachen Wörter gibt!

Skurril-Lustiges aus aller Welt

Auch für Angriffe auf die Lachmuskeln sind manche Wörter gut, so zum Beispiel das finnische poronkusema, das - und das gibt es wirklich! - die Distanz bezeichnet, die ein Rentier ohne Pause zurücklegen kann. Für diejenigen, die nicht glauben können, dass das eine anerkannte Maßeinheit ist: Poronkusema entspricht sogar ziemlich genau 7,5 Kilometern und sorgt im Gespräch mit Finnen wahrscheinlich für weniger Verwirrung als ein Geständnis, dass man nicht gerne in die Sauna geht.

Neben Entfernungen lässt sich auch Zeit in eigenwilligen Einheiten messen. So gibt es im Malaysischen das Wort pisan zapra - die Zeit, die man braucht, um eine Banane zu essen. Klingt eher ungenau, lässt sich aber auf Nachfrage doch auf ungefähr zwei Minuten festlegen.

In der leider vom Aussterben bedrohten australischen Sprache Wagiman gibt es das Wort murr-ma, das sich beim nächsten Badeurlaub als hilfreich erweisen könnte, denn es heißt, dass man etwas im Wasser nur mit den Füßen sucht.

"Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt."

Ludwig Wittgenstein

Gemütlichkeit in allen Facetten

Glaubt man dem unübersetzbaren Wortschatz, den die skandinavischen Sprachen ihr eigen nennen, so sind sie die Weltmeister in Gemütlichkeit. Was den Dänen ihr hygge, ist den Schweden ihr fika und den Niederländern ihr gezellig. Hygge (wunderbar intelligent und unterhaltsam beschrieben von Helen Russell) ist zurzeit in aller Munde und kann auch so ziemlich alles bezeichnen, was zum Wohlbefinden beiträgt, sei es eine Tasse Kakao am Kamin oder ein Picknick am See mit Freunden. Gezellig, des Niederländers liebstes Kind, drückt ganz ähnlich das Gefühl von Gemütlichkeit und Wohlbehagen aus, das von innen heraus wärmt, wenn man mit lieben Menschen Zeit verbringt.

Das schwedische fika wird da schon genauer, heißt es doch eine Pause vom Alltag mit Kaffee und Gebäck, ob im Café oder zu Hause, eine Pause, die oft über Stunden gehen kann. Feierlich geht es beim arabischen samar zu: lange, nachdem die Sonne untergegangen ist, wachbleiben, gar nicht mitbekommen, dass das einst prächtige Lagerfeuer nur noch glimmt, stundenlang mit Freunden reden und sich einen schönen Abend machen - sympathisch, wenn eine Sprache dafür ein eigenes Wort hat!

Sprache gewordenes Fernweh

Einzigartige Wörter, die es in anderen Sprachen nicht gibt, machen neugierig auf fremde Kulturen und lassen einen die Welt oft mit anderen Augen sehen. Ob einen ein Wort nun zum Lachen bringt oder einen für die Schönheit des Augenblicks sensibilisiert, es zeigt, wie unterschiedlich man das Leben betrachten kann und wie horizonterweiternd Begegnungen mit anderen Kulturen sein können. In jedem Falle ist das Fernweh nun bestimmt nicht mehr zu leugnen!

Buchtipp

Lost in Translation von Ella Frances Sanders - ein Begleiter durch das Sprachdickicht, mit Augenzwinkern getextet und kreativ illustriert

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