Überraschende Lebensfreude: Städtereise nach Sarajevo

Überraschende Lebensfreude: Städtereise nach Sarajevo

Das Bild von Bosnien ist oft sehr einseitig geprägt, dabei lohnt ein Blick hinter die Narben der Vergangenheit. Die Hauptstadt Sarajevo sprüht vor Lebensfreude und empfängt Besucher mit offenen Armen. Der Krieg ist unvergessen, doch hier blickt man nach vorne und so wird Sarajevo auch gerne mal zur Partymeile. Eine Liebeserklärung an diese widersprüchliche, einzigartige Stadt

Reisebericht

Wenn der Tag endet, erwacht das Leben

Langsam versinkt die Sonne rot-golden hinter den Olympischen Bergen. Die ruhige Altstadt erwacht gleichzeitig mit dem Sonnenuntergang zum Leben. Unter den bunten Wimpeln, die jede Straße der Altstadt in Gold und Rot schmücken, drängen sich die Menschen. Die Kneipen und Restaurants buhlen mit lauter Musik um Besucher. Als würden die Gäste anhand der Songs, die gespielt werden, auf die Qualität der Mahlzeit schließen.

Die Frauen haben sich für den Anlass besonders schick gemacht. In High Heels und Paillettenkleidern stolzieren sie vorbei, hin und wieder erhasche ich einen Blick auf ein Kopftuch. Der Kellner – ein junger, tätowierter Kerl auf einem Hoverboard – bringt uns drei Biere und ein Glas Wein. Wir stoßen an: »Živjeli«. Die Sonne ist inzwischen untergegangen und der Abendstern blinkt am Himmel über der Stadt, während diese mit dem Pulsschlag des Sarajevo Film Festivals pulsiert.

Erste Eindrücke eines vielfältigen Landes

Ein Urlaub auf dem Balkan? Obwohl ich von der Region schon gehört habe, wäre mir das nie in den Sinn gekommen. Spanien, Italien oder weiter weg – afrikanische Länder – das stand immer auf meiner Liste. Bis sich ein Bosnier in mein Leben schlich, und ich es kaum erwarten konnte, seine Heimat kennenzulernen. Und so führte mich der Sommerurlaub nicht ans Mittelmeer, sondern mitten nach Bosnien und Herzegowina. Ein kleines Land, das für mich bisher nicht recht viel mehr gewesen war als ein Land, in dessen Hauptstadt der Erste Weltkrieg begann. Und das auch sonst – nach meinen Recherchen zu beurteilen – in den 90er-Jahren vom Krieg gebeutelt wurde.

Mit WizzAir flog ich von Nürnberg aus nach Tuzla, und schon die Landung war überraschend. Der Flughafen in Tuzla: nicht recht viel mehr als ein bracher Acker, auf den jemand eine Landebahn gepflanzt hat. Das Flughafengebäude? Eine ausrangierte Fabrikhalle – oder liege ich da falsch und es ist nur Jugoslawien-Style? Die Reise sollte noch mehr Kuriositäten für mich bereithalten!

Schon auf dem Weg von Tuzla ins zwei Stunden entfernte Sarajevo war der Blick aus dem Autofenster für mich eine ständige Überraschung. Eigentlich wirkte alles ziemlich deutsch, kleine Dörfer schmiegen sich an Waldränder. Nur die Minarette der Moscheen verraten mir, dass das hier anders ist. Und die vielen Häuser, die keinen Putz tragen. Wir hatten keine Zeit, uns hübsch zu machen, scheinen sie mir zu sagen. Ein Dach und vier Wände, das war viel wichtiger als eine hübsche Fassade. In der Dunkelheit kann ich nicht erkennen, was mich in den nächsten Tagen immer wieder betreten zu Boden blicken lässt: die Einschlaglöcher der Granaten, direkte Zeugen des Krieges.

Spuren des Krieges, aber auch unbändige Lebensfreude

Es wäre eine Lüge zu behaupten, er wäre in Sarajevo ganz überwunden. Ich bin noch niemals in meinem Leben so direkt mit dem Krieg konfrontiert worden. Als wir eine Brücke über den kleinen Fluss Miljacka überqueren und mein Freund auf eine Gedenktafel deutet: „Zwei Studentinnen wurden hier erschossen. Die ersten Kriegsopfer“. Oder als wir durch die Altstadt spazieren und meine Füße immer wieder stocken, wenn wir auf eine der „Rosen Sarajevos“ stoßen. Die Granateneinschläge in der Stadt wurden überall dort mit roter Farbe aufgegossen, wo ein Mensch sein Leben lassen musste.

Doch Sarajevo ist so viel mehr als Krieg und Zerstörung! Die Stadt ist vor allem unbändige, südländische Lebensfreude, die mir überall auf der Straße begegnet: in den Händlern auf den Basaren, die freundlich sind, aber kein Stück aufdringlich. In den Kellnern, die höflich und neugierig sind, wo ich denn herkomme. Und die mir oft genug in fließendem Deutsch auf mein bosnisches Gestotter antworten. Sie haben es damals gelernt, als Kriegsflüchtlinge im Asyl. In den verschleierten Frauen, von denen es nicht viele gibt, in der überwiegend muslimischen Stadt, aber doch einige, die gelassen in Cafés sitzen und quatschen. Mahala heißt das hier in Bosnien – der Spaß, über andere Leute zu reden.

Altstadtbummel mit kulinarischem Ausklang

Die Altstadt Sarajevos ist, wie ihre Bewohner, ein spannender Mix aus fernöstlicher Exotik und altbekanntem europäischen Flair. Wir spazieren die Ferhadija, die Einkaufsstraße mit ihren austro-ungarischen Häusern entlang – und stehen auf einmal in einer anderen Welt. „Sarajevo – Meeting of Cultures“ verrät mir ein Kompass auf den Pflastersteinen der Fußgängerzone und ich hebe den Kopf und blicke auf die größte Moschee der Stadt. Kleine Läden mit Steindächern schmiegen sich eng aneinander. Teppiche, Schals und Schuhe in bunten Farben werden feilgeboten, es riecht nach Wasserpfeifen und frischem Brot. Ich kann es kaum erwarten, mich in die Gässchen zu stürzen und diesen unbekannten Duft ganz tief einzuatmen.

Wir haben uns durch die engen Gassen der Baščaršija, der Altstadt, müde spaziert. Es wird Zeit für eine Pause – und einen Snack. Wo könnte man diesen besser haben, als in einer berühmten Ćevapdzinica? Bei Željo gibt es die besten Ćevapčići der Stadt. Es ist ganz üblich hier, dass Restaurants nur ein Gericht anbieten, nämlich das, was sie am besten können. Sei es Fisch, Ćevapčići – die hier kurz und liebevoll Ćevapi genannt werden – oder Pita. Wir essen für unschlagbare 2,50 Euro eine „kleine“ Portion aus fünf Ćevapčići, kross und lecker gewürzt, mit rohen Zwiebeln, frischem Fladenbrot und Kajmak, einer Art saurem Quark.

Rund um Sarajevo

Am nächsten Tag ist es Zeit für etwas Natur, die quirlige Stadt lassen wir hinter uns und fahren mit einem Mietwagen rauf auf den Trebević. Der 1.600 Meter hohe Berg ist einer der Berge, auf denen im Jahr 1984 die Olympischen Winterspiele stattfanden. Davon ist jetzt nicht mehr viel zu sehen, als wir eine mehr schlecht als recht geteerte Straße entlangfahren. Wir biegen langsam um die Kurve, denn die Straßen sind eng, und entdecken ein Militärfahrzeug und einen Krankenwagen. „Die suchen hier noch nach Minen, auf dem Trebević sollte man nicht runter von den gekennzeichneten Wegen“, sagt mein Freund. Und da ist es wieder, dieses komische Gefühl, das ich immer kriege, wenn die Leute hier vom Krieg sprechen.

Aber sehr bald schon wird das Gefühl abgelöst von den unglaublichen Ausblicken auf Sarajevo, die sich uns bieten. Die Stadt hat den Namen „Jerusalem Europas“ wirklich verdient, denn wie es von oben aussieht, ist sie auch auf mindestens sieben Hügeln erbaut, gesprenkelt mit kleinen Häuschen. Hinten im Dunst erheben sich Gebirgszüge. Unsere Fahrt führt uns jedoch wieder rein in den Wald, über ein paar Feldwege, die uns kräftig durchrütteln, geht es zur alten Bobbahn der Olympischen Spiele. Viel ist nicht geblieben, der Wald hat sich alles zurückgeholt, doch die Bahn selbst windet sich wie die Haut einer frischgehäuteten Schlange durch den Wald. Ich kann nur noch erahnen, wie es hier einmal ausgesehen haben muss, als Tausende Menschen jubelnd auf den inzwischen verfallenen Tribünen standen. Die Bobbahn ist nun Spielplatz der Graffiti-Künstler und Mahnmal der traurigen jüngsten Geschichte des Landes.

Feierfreude, Lachen und ein Versprechen

Sarajevo lässt einem aber keine Zeit zur Traurigkeit. Die Stadt hat sich für den letzten Tag des Filmfestivals noch einmal richtig in Schale geschmissen. Nein, Sarajevo geizt nicht, wenn es ums Feiern geht – die Stadt verwandelt sich in eine einzige Partymeile und ich kann gar nicht anders, als mich von der guten Stimmung der Bosnier mitreißen zu lassen. Wir lachen zusammen, obwohl ich kein Wort verstehe. Aber das habe ich schnell gelernt: Sie lachen die schlimmen Dinge einfach weg, die Bosnier. Wir könnten uns direkt eine kleine Scheibe abschneiden, wir Deutschen.

Die Stadt reißt mich ein bisschen in zwei Stücke. Ich sehe den Krieg, ich sehe die Armut und ich versuche, kein Kriegstourist zu sein und gleichzeitig zu lernen, um anderen Leuten zu erzählen, was nie mehr passieren soll. Und gleichzeitig kann man sich so leicht wohlfühlen in Sarajevo. Ich liebe ihre Entspanntheit und ich kann mich fallen lassen in ihre offenen Arme – denn Sarajevo ist Fremde gewohnt. Und nach dem letzten Film und dem letzten Glas Wein spazieren wir langsam nach Hause. In der Mitte der Baščaršija halten wir inne. Sebilj, der wie ein Kiosk geformte öffentliche Brunnen in der Mitte der Stadt, steht erhaben und wunderschön beleuchtet einsam da. Und ich nehme einen tiefen Schluck des frischen, bosnischen Leitungswassers – denn die Legende besagt, dass derjenige nach Sarajevo zurückkehrt, der vom Sebilj getrunken hat. Und zurückkommen werde ich – ganz bestimmt.

Tipps für dein perfektes Sarajevo-Erlebnis

Herumkommen

In Sarajevo kannst du ganz leicht alles in der Innenstadt fußläufig erreichen. Für längere Strecken, zum Beispiel zum Trebević hinauf, bietet sich ein Mietwagen oder alternativ ein Taxi an.

Taxis sind in Sarajevo nur mit einem „T“ im Kennzeichen lizensiert, alle anderen illegale Fahrer. Preislich macht das aber keinen Unterschied. Es gilt: Unbedingt Taxameter anschalten lassen, damit du nicht übers Ohr gehauen wirst.

Ansonsten gibt es auch einige Sehenswürdigkeiten, die per Bus oder Straßenbahn gut erreichbar sind, beispielsweise Vrelo Bosne, die Quelle des Bosna, ein wunderschönes Naturschutzgebiet.

Im Sommer kannst du einfach ein Fahrrad für 10 Euro am Tag leihen und so ganz einfach auf Erkundungstour gehen.

Unterkunft

Sarajevo ist billig. Richtig billig sogar für westeuropäische Begriffe. Ein Hostel kannst du für 5 Euro, ein Airbnb für 10 Euro oder ein Doppelzimmer im Hotel ab 20 Euro ergattern. Da kannst du dir auch das ultimative Sarajevo-Gefühl gönnen und direkt im Stadtzentrum nächtigen.

Essen und Trinken

Auch beim Essen und Trinken ist Sarajevo sehr günstig. Lediglich in der muslimischen Altstadt wird teilweise kein Alkohol ausgeschenkt.

Gönn dir ein leckeres Essen für 2,50 Euro mitten in der Innenstadt – am besten Cevapcici bei Zeljo oder eine frische Pita aus einer der zahlreichen Bäckereien, die in Sarajevo Buregdzinica heißen. Bier und Wein bekommst du ab 2 Euro pro Flasche beziehungsweise Glas. Probier auch unbedingt Baklava oder eine andere Süßigkeit, denen man hier den türkischen Einschlag anmerkt.

Bosnischer Kaffee ist das Nationalgetränk. Bosnier können stundenlang herumsitzen, reden und Kaffee trinken. Traditionell erhältst du ihn in einem Kupferkännchen, mit einer kleinen Tasse, einem Stück Zucker und einer Süßigkeit. Der Zucker wird nur eingetunkt und gelutscht, nicht in den Kaffee gegeben.

Souvenirs

Lederartikel kannst du in Sarajevo sehr günstig erstehen, im Vergleich zu Westeuropa. Außerdem gibt es wunderschöne Pashmina-Schals, bunt gemusterte Schuhe oder natürlich die wunderschönen handgemachten Kupfergeschirre. In der Kupfergasse der Stadt kannst du den Handwerkern bei ihrer Arbeit zu sehen.

Sonstiges

Sarajevo ist eine sichere, moderne Stadt. Viele Menschen haben noch ein falsches Bild. Allerdings ist die touristische Infrastruktur noch nicht ganz so gut vorhanden wie beispielsweise in Kroatien. Ältere Menschen sprechen wenig bis kein Englisch, die jüngeren jedoch schon. Viele Menschen sprechen sogar etwas Deutsch. Ansonsten kann ein Bosnisch-Sprachführer das Herumkommen erleichtern.

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