Rodeln auf dem Vulkan- Und anderer Vulkan-Spaß in Nicaragua

von Bernadette Olderdissen

Rodeln auf dem Vulkan- Und anderer Vulkan-Spaß in Nicaragua

In Nicaragua geht etwas, was man woanders kaum erleben kann: Man kann einen Vulkan hinuntersurfen oder auf einem einfachen Holzbrett hinuntersausen. Im sogenannten Land der 1000 Vulkane drehen sich auch viele weitere Aktivitäten um die oft aktiven, rauchenden Riesen. Sie lassen sich erwandern, und wer mag, kann bei Nacht in den glühenden Schlund eines Feuerspuckers schauen.

Reisebericht

Nicaragua lässt sich bereits vom Flieger leicht erkennen: Vulkane stechen kurz vor der Landung in Managua, der Hauptstadt, aus den Wolken hervor, wohin man auch schaut. Willkommen im sogenannten „Land der 1000 Vulkane“. Dass zahlreiche davon noch aktiv sind, ist das Sahnehäubchen auf der Torte. Mir schwant, dass ich ganz bald einen Vulkan hinuntersausen werde, denn das ist Nicaraguas Extremsport Nummer eins. Und auch ein paar weitere Vulkan-Abenteuer sollte man mitnehmen, wenn man schon mal da ist.

„Vulkan-Surfen“ oder „Vulkan-Rodeln“: Extremsport made in Nicaragua

Es gibt wenige Touristen, die in Nicaragua nicht einmal einen Vulkan runtersurfen wollen. Dabei war es kein Einheimischer, der den Sport erfand, sondern der Australier Darryn Webb. Er wählte für den Spaß, der mit Matratzen und Minibar-Türen begann, den 728 Meter hohen Cerro Negro unweit der Kolonialstadt León aus. Ab rund 20 US-Dollar ist man mit von der Partie – Transport und Material inklusive. Die Zeit des Matratzen-Surfens ist allerdings vorbei, heute gibt es ein echtes Holz-Rodelbrett.

Um acht Uhr morgens geht es im Laster mit offener Ladefläche von León los. Die Bretter sind mit einer Schnur an der Decke befestigt und ziehen zweifelnde Blicke auf sich. Doch es ist ohnehin zu spät zum Umkehren. Nach einer halben Stunde türmt er sich vor uns auf, der schwarze, baum- und pflanzenfreie Cerro Negro, der 1999 das letzte Mal ausbrach. Wir packen das Nötigste in blaue Rucksäcke, in denen die Ausrüstung bereitliegt: blaue Anzüge, die an Gefängnisklamotten erinnern, Handschuhe und Taucherbrille. Genau das, was man zum Vulkansurfen eben braucht. Dazu bekommt jeder eins der Bretter unter den Arm, die jeweils mit einer Schnur zum Festhalten ausgestattet sind. Ob der TÜV sein Siegel darauf setzen würde? Ich bezweifle es. Schon beginnt der Aufstieg über Lavasteine und Geröll. Das Holzbrett wiegt etwa acht Kilo, die Sonne lacht auf uns hinab. Doch die meisten würden das Doppelte an Gewicht schleppen, um einmal einen Vulkan hinunterbrettern zu dürfen.

Weiter oben werden die Steine immer feiner und die Erde zu unseren Füßen glüht. Mancherorts strömt schwefelhaltiger Rauch aus dem durstigen Boden, während sich in der Ferne eine weite, grüne Landschaft voller Hügel entfaltet. Der Cerro Negro hat nur eine „Surfseite“: Dort sind die Steine klein genug, um die Abenteurer nicht in den sicheren Tod zu reißen. Ich sehe die Laster, die wörtlich Ameisengröße angenommen haben. Jeder streift einen Anzug über und setzt seine Taucherbrille auf. Es kann losgehen!

Freie Bahn

Der Guide wirft ein Brett auf den Boden, setzt sich, zieht die Schnur zu sich heran und stemmt die Fersen in den Vulkansand. „So könnt ihr abbremsen, alles klar?“ Ratlose Blicke folgen. „Wenn ihr nicht bremst, erreicht ihr bis zu 90km/h. Dabei hat sich auch schon mal jemand überschlagen und war krankenhausreif!“, lauten seine letzte Worte, bevor er in der Tiefe verschwindet. Ich fühle mich an meine ersten Skiversuche erinnert, als ich auf einem Berg stand und runterbrauste, um ungebremst in einem Sicherheitsnetz zu landen. Leider gibt es am Cerro Negro nirgendwo ein Netz.

Der Guide, der weit unter uns seine Kamera in die Höhe hält, gibt ein Zeichen. Ich bin dran. Setze mich, ziehe an der Schnur, stoße mich vom Boden ab. Ich komme ein paar Meter weit, dann ist das Brett so voller Vulkangeröll, dass ich steckenbleibe. Da hilft nur Aufstehen, Abschütteln, wieder Setzen. Jetzt klappt’s. Das Brett geht ab wie ein Skispringer vor der Sprungschanze, das mit dem Bremsen habe ich offenbar nicht richtig kapiert. Auf einmal stellt sich das Gefährt quer, ich gehe fliegen, überschlage mich mehrmals, das Brett kommt brav hinter mir her. Als ich mein Ende schon vor Augen sehe, wird es flacher. Ich kann aufstehen, das Brett wieder in Position bringen und die Fahrt in Würde zu Ende bringen. Wie durch ein Wunder habe ich nur eine kleine Schramme am Bein. Meine hellen Haare sind schwarz, zwischen den Zähnen knirscht es und es juckt mich am ganzen Körper. Aber ich habe das Vulkanrodeln überlebt. Und Spaß gemacht hat es schon.

Am Abgrund

Wer einmal einen Vulkan runtergepurzelt ist, den kann natürlich nichts mehr schrecken. Deshalb geht es gleich los zum nächsten Abenteuer, einer Besteigung des Telica-Vulkans. Er befindet sich 15 Kilometer östlich von León, ist 1061 Meter hoch und bietet den angeblich besten Weitblick auf den Sonnenuntergang. Das Beste: Er zählt zu den aktivsten Vulkanen Nicaraguas. Das letzte Mal brach er 2011 aus, 60 Dörfer der Umgebung mussten evakuiert werden.

Schon die Jeep-Fahrt in Richtung Telica fühlt sich an wie eine Fahrt auf einem verrückten Kirmes-Fahrgestell. Die Hoffnung, den Sonnenuntergang zu sehen, sinkt, denn Sturzregen macht bereits auf halbem Weg die Schlammwege schwer passierbar. Es geht durch reißende Flüsse und über rutschige Böschungen. Auf einmal scheint der Vulkansurf ganz harmlos. Bald ist Endstation, es geht zu Fuß weiter. Je höher man kommt, desto stärker beißt der Schwefelgeruch in Nase und Augen, kündigt den nahenden Krater an. „Geht nicht zu nah an den Rand“, ermahnt uns der Guide. Ich werfe einen Blick in den Abgrund, aus dem der Rauch nach oben strömt. Sehe, dass sich die Erde dort unten öffnet und den Blick auf die glühende Lava freigibt. Obwohl meine Augen vom Rauch tränen, schaue ich noch lange in die glühende Hölle. Zu sagen, ich bin beeindruckt, wäre eine Untertreibung.

Der Teufelsschlund

Obwohl er mittlerweile recht touristisch und überlaufen ist, lohnt es sich, einmal nach Sonnenuntergang hochzufahren: auf den Masaya-Vulkan nahe der gleichnamigen Stadt Masaya zwischen Granada und Managua. Wie der Telica, gehört er zu den noch aktiven Vulkanen. Alle wollen hier nur das eine – im Dunkeln in die riesige, glühende Lava schauen. Der Minibus, den wir zu sechst belegen, darf um 18 Uhr in den Nationalpark Vulkan Masaya und uns oben am Krater für genau 20 Minuten rauslassen.

Doch niemand denkt mehr an diese Massenabfertigung, wenn er am Rande des sich bedrohlich vorm Nachhimmel abhebenden Vulkan steht. Unten im Krater wütet eine Hölle, welche die Lava des Telica winzig erscheinen lässt. Sechs mal elf Meter ist die Caldera des Masaya groß. Es brodelt und kocht, als ginge der Vulkan im nächsten Moment in die Luft. Die indigene Bevölkerung nannte ihn Popogatepe, den brennenden Berg, wobei Ausbrüche als Verärgerung der Götter aufgefasst wurden. Nur eins konnte sie beruhigen: Opfer, oft in Form von kleinen Kindern und Jungfrauen. Ich stelle mit vor, wie Menschen in das feuerspuckende Loch geworfen wurden. Nein, da surfe ich lieber noch viele Male mehr den Cerro Negro hinunter. Sogar auf einer Matratze. Oder der Tür einer Hotel-Minibar.

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