Panamas San Blas Inseln - Oder wie ich fast zur Inselkönigin wurde

von Bernadette Olderdissen

Panamas San Blas Inseln - Oder wie ich fast zur Inselkönigin wurde

Die San Blas Inseln standen schon lange auf meiner Bucketlist. Winzige Inseln im Karibischen Meer vor Panama, die noch Ureinwohnern gehören. Auf denen es viel weißen Sand, Palmen und türkisfarbenes Meer gibt, aber kein Wifi und keine Autos.

Reisebericht

Durch den Dschungel

Es ist keiner leichter Weg zu den San Blas Inseln, denn die Karibikküste Panamas liegt hinter dichtem Dschungel. Dadurch führt eine Straße, auf der genauso viele Mägen wie auch Jeeps schlappmachen. Zudem sind die San Blas Inseln autonomes Gebiet und dessen Besitzer die Kuna, eine indianische Minderheit, die noch ihre eigene Sprache spricht. Die Kuna hatten es nicht immer einfach: In den 1920ern wollte die Zentralregierung Panamas die Indios unterwerfen, doch die widersetzten sich. Daraufhin wurde 1930 ein politischer Pakt geschlossen, und später bekamen die Kuna ihr Gebiet Kuna Yala zugesprochen.

Ich bin eigentlich ein Gegner von Package-Touren, doch wer auf die Kuna-Inseln will, ist damit gut dran. Die Tour umfasst den Pick-up in der Hauptstadt, Dschungelride, Boot zu einer Insel, Übernachtungen in einer einfachen Hütte, drei Mahlzeiten pro Tag und jeden Tag Ausflüge zu anderen Inseln. Zwischendurch gibt es eine Menge Zeit für nichts. Wifi kann man vergessen, und auch sonst bieten die Inseln wenig Action. Mich reizt die Idee des digitalen Detox, der Abgeschiedenheit – und buche gleich vier Tage, drei Nächte, für 300 Euro. Wer auf eigene Faust aufbricht, findet auch Unterkünfte, muss sich jedoch um den Transport an Land alleine kümmern und auch für Trips zu anderen der 365 Inselchen, von denen nur 49 bewohnt sind, ordentlich draufzahlen.

Into the wild

Bis zuletzt weiß man nicht, auf welcher Insel man stranden wird. Das entscheiden die Kuna unter sich, denn Besucher werden fair auf alle Inseln mit touristischer Infrastruktur verteilt. In Carti am Karibischen Meer empfängt uns ein etwa 50-jähriger Kuna, der offensichtlich von Pizza, Hamburgern und Co. lebt. Eulogio. Wir sollen auf die Isla Diablo kommen, die Teufelsinsel. Je weiter der Hafen am Horizont entschwindet, desto klarer wird das Wasser und desto größer die Anzahl an Palmeninselchen. Nach 30 Minuten drosselt der Bootsführer das Tempo vor einer Insel, die zwischen Palmen mehrere Hütten beherbergt.

„Bienvenido auf deiner Insel!“, begrüßt mich ein Kuna mit breiten Schultern, schrägen Zähnen und einem freundlichen Lächeln, der mir gerade bis zum Hals reicht. Er sei Daniel. Ein anderer bringt mein Gepäck zu einer Strohhütte. ‚Niadub‘ ist darauf gepinselt. Auf dem Sandboden steht ein Bett, darüber ein Mückennetz und eine Plastikplane unter der Decke. Von der Außenwelt trennen mich nur Bambusstäbe. Draußen lerne ich zwei Mädels kennen, Sabine aus der Schweiz und Linny aus Australien, die schon seit einem Tag da sind.

Mal nichts zu tun

Bald geht es mit Eulogio zurück ins Boot. Außer Bikinis, Handtuch und Strandkram brauchen wir nichts. Isla Perro Chico ist der erste Stopp, die Kleine-Hund-Insel. Kleine Hunde gibt es nicht, dafür aber viele Palmen, an denen Einheimische rauf und runter klettern, um Kokosnüsse zu pflücken. Außerdem besuchen wir Inselchen, zu denen man durchs seichte Wasser spazieren kann. Wir halten an jeder Sandbank, schwimmen mitten im Meer.

Nach einem Mittagessen aus Fisch, Kokosreis, Kartoffeln und Salat tue ich das, was man auf so einer Insel eben tut: nichts. Später kommt eine junge Einheimische vorbei, mit Bändern um Unterarme und Unterschenkel sowie einer selbstgemachten, blumenreichen Bluse und einem Rock – der traditionellen Kleidung. Sie sei nur vorübergehend auf Isla Diablo, erzählt sie in überraschend gutem Spanisch, denn meistens arbeite man nur sporadisch an einem Ort. Sie fertigt die typischen Molas an, eine Applikations-Stickerei.

Strom gibt es auf Isla Diablo erst ab 17 Uhr, wenn die Generatoren angehen. Zum Abendessen gegen 19 Uhr gesellt sich ein deutsches Pärchen zu Sabine, Linny und mir. Trotz des frühen Abends sind alle müde, und aufkommender Wind sowie Blitze überm Meer lassen eine unruhige Nacht erwarten. Aus Lautsprechern ertönt Bryan Adams und andere, Kuschelrock-artige Musik, dazu essen wir Hummer. „Es gibt nicht einen einzigen Spiegel bei den Duschen“, ist eins der Themen. Ich habe noch keinen Spiegel vermisst.

Voll Haus

In der Nacht wache ich auf. Draußen kracht es, Licht zuckt durch meine Hütte. Dann spüre ich Tropfen auf meinen nackten Beinen und auf dem Kopf. Ich schalte meine Taschenlampe ein. Wasser perlt von der Plastikplane über mir, die dem tropischen Gewitter nachgegeben hat. Dazu schreckt der Schein meiner Taschenlampe einige Kakerlaken auf, von der Größe, die in Kambodscha gegrillt und als Hauptmahlzeit serviert werden, und die eine Öffnung an meinem Gepäck suchen.
Auf dem Boden verschwinden zahlreiche Krebse in Löchern im Sand, die sich seit meinem Zubettgehen verhundertfacht haben. Draußen kracht es weiter. Ich zerre am Bett, das sich kein Stück fortbewegt, und gebe schließlich auf. Bald bin ich so müde, dass ich trotz der Nässe einschlafe. Und erst aufwache, als jemand auf meinem Gesicht bruchlandet. Verdammte Kakerlaken!

Inselleben

Nach dem Frühstück aus gebratenem Brot, Rührei und Obst und Sonnenaufgang dazu sieht die Welt viel besser aus. Mit Eulogio geht es dieses Mal nach Chichime, einer etwas größeren Insel mit einem Spazierweg durch winzige Dörfer und Palmenwälder und an Palmenstränden entlang. Im glasklaren Wasser versammeln sich Seesterne, vor einem Dreihäuserdorf Kinder in Unterhosen und junge Katzen. Obwohl die Kuna-Mutter mein Spanisch nicht versteht, darf ich für einen Dollar Fotos machen – eine weit verbreitete Praxis auf den Inseln. Zum Mittag gibt es schließlich BBQ am Strand mit frischem Fisch und Obst. Ganz ähnlich habe ich mir das Paradies immer vorgestellt.

Inselkönigin

Dank Sabine werde ich fast zur Inselkönigin der Teufelsinsel – weil sie mehr über die Kuna wissen möchte, aber kein Spanisch spricht. Also frage ich bei Daniel nach. Begeistert erzählt er in Kuna-Spanisch von seinem Volk. „Insgesamt besitzen 23 Familien Inseln“, beginnt er. „Die Hilfsarbeiter, die zum Beispiel die Strände säubern, wechseln alle paar Wochen. Nur das Küchenpersonal arbeitet fest auf einer Insel.“ Er selbst gehöre zu einer der 23 Familien. Wir möchten wissen, wie das mit den Beziehungen funktioniert: Früher hätten die Großeltern die Partner für ihre Enkelkinder ausgesucht, mittlerweile könne man jedoch selbst einen Partner wählen. Es gäbe sogar Kuna, die Ausländer heirateten, wodurch diese Wohnrecht auf den Inseln erhielten. Denn der Inselverkauf an Ausländer sei ansonsten streng untersagt.

„Wir haben oft sehr große Familien. Ich selbst habe neun Geschwister.“ Auf den kleinen Inseln vor Carti gäbe es auch Ärzte, die natürliche Heilmittel nutzten. „Und wir sind sehr stolz. Das Rot in unserer Flagge steht für Blut, für unseren Kampf.“ Ab diesem Moment wird Daniel mein bester Freund. Ob ich schon verheiratet sei oder einen Freund habe, will er wissen. Als ich bejahe, sacken seine Mundwinkel ab – und doch versichert er mir vor dem Zubettgehen, dass ich ab jetzt einen echten Kuna-Freund habe.

Paradies mit Macken

Nach zwei Tagen kommt es mir vor, als wäre ich schon wochenlang auf der Teufelsinsel. Wenn die Sonne strahlt und das Wasser blau oder türkis färbt, möchte ich gar nicht mehr weg. Dann sind die San Blas ein postkartentaugliches Paradies. Gut, ein Paradies mit Schönheitsfehlern, mit ein wenig Getier, undichten Hütten und Toilettenhäusern, die nicht jede Hygieneinspektion überstehen würden. Aber ich gewöhne mich daran. Einige Touristen beschweren sich, dass es nichts zu tun gäbe. Ich habe zwei Bücher dabei und schaffe es gerade mal, eins zu lesen. Weil ich mit Nichtstun beschäftigt bin, mit Schwimmen oder meiner Sonnenbräune. Und damit, Daniel klarzumachen, dass ich ganz sicher keinen Kuna-Ehemann will. Auch nicht, wenn er mich danach zur Inselkönigin von Isla Diablo macht.

Mir fehlt keine Klimaanlage, kein Zimmerklo, kein Spiegel, und noch weniger das Piepen des Handys. Marius, der Deutsche, ist anderer Meinung: „Ich würde hier als Erstes Internetempfang einrichten.“ Wahrscheinlich hätte ich nie mit Marius gesprochen, wenn ich Wifi hätte. Weil ich beim Essen die Daheimgebliebenen über mein Wohlbefinden updaten würde oder Bilder zum Neidischmachen auf Facebook, Instagram & Co. posten. Ich bin dankbar für die Lektion, die mir die Teufelsinsel erteilt hat: dass ich es noch schaffe, den Aus-Knopf zu finden und keine Eile habe, ihn wieder auf ‚An‘ zu stellen. Dass ich aber auch nicht Daniel heiraten muss, um ganz auszusteigen. Als Eulogio am nächsten Tag kommt, um mich abzuholen, begleitet mich Daniel zum Boot. „Komm bald wieder!“, beschwört er mich, den Tränen nahe. Seine Kumpels schauen belustigt zu. „Hat der sich etwa in dich verknallt?“ Ich lächle. Habe bloß einen wahren Kuna-Freund gefunden. Und die Teufelsinsel in ihrer Einfachheit in mein Herz geschlossen.

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