Neufundland - Da, wo Nordamerika anfängt

von Bernadette Olderdissen

Neufundland - Da, wo Nordamerika anfängt

Neufundland, eine dicke Insel vor der Küste Kanadas, wird von Nordamerikaurlaubern meist nur überflogen. Dabei bietet sie eine Menge, darunter den östlichsten Punkt Nordamerikas, Eisberge, aus Eisbergwasser gebrautes Bier, Wale sowie den einmaligen Gros Morne Nationalpark. Außerdem echt fröhliche Menschen und die Möglichkeit, selbst in einer halben Stunde zum Neufundländer zu werden.

Reisebericht

Das Erste, was man auf Neufundland lernt: Die Insel heißt auf Englisch nicht wirklich Newfoundland, sondern eher Newfunnlaaand, was je nach Sprecher auch schon mal zu Newfinlaaand wird – und tatsächlich erinnern die Landschaften öfters an Finnland. Jede Neufundlandreise beginnt da, wo Flieger landen, in der Hauptstadt St. John’s. Bunte Reihenhäuser schmiegen sich aneinander und es gibt einen schmucken Naturhafen. Dahinter erhebt sich das Wahrzeichen der Stadt, der Hügel Signal Hill mit dem Cabot Tower, einem Turm, der 1897 zum 400. Jahrestag der Entdeckung Neufundlands durch John Cabot erbaut wurde. Er bietet die beste Aussicht über St. John’s und ein paar Spazier- und Wanderwege rund um den Hügel, welche die Einheimischen zum Joggen nutzen und Besucher, um den malerischen Stadtteil The Battery zu erreichen.

Eisberg-Bier

Ein Stadtteil von St. John’s, den kein Bier-Fan missen darf, ist Quidi Vidi. Mit einigen farbenfrohen Holzhäusern und kleinem Fjord wirkt er wie ein Miniatur-Fischerdorf, ist aber auch Heimat der Quidi Vidi Brauerei, die 1996 von zwei Ingenieuren in einer ehemaligen Fischfabrik eröffnet wurde. Das Besondere an der Brauerei ist, dass sie vor allem Bier aus bis zu 25.000 Jahre alten Eisbergen braut, das in dunkelblauen Flaschen verkauft wird.

„Neufundland hat Ed King, den Eisberg-Cowboy. Er fährt im Sommer jeden Tag 16 Stunden lang zu den Eisbergen raus, erntet so viele Eisstücke wie möglich, und die werden dann in Bonavista geschmolzen und an uns verkauft“, erzählt Les, ein Angestellter der Brauerei. Überhaupt seien es die 98% Wasser, die ein Bier ausmachten. Leider wird das Eisbergbier noch nicht ins Ausland exportiert, weil die Neufundländer fast alles selbst austrinken.

Der östlichste Punkt Nordamerikas

Gut 15 Kilometer von St. John’s entfernt erreicht man Cape Spear, den östlichsten Punkt Nordamerikas. Dort stehen gleich zwei Leuchttürme, einer davon der zweitälteste Neufundlands, 1836 errichtet. Ich stehe dort, den Atlantik als Kulisse, auf dem ein Eisberg in der Ferne schmilzt, und versuche zu begreifen, dass die Eisskulptur wirklich 10- bis 25.000 Jahre alt ist. Alle Eisberge vor Neufundland stammen aus Grönland und bewegen sich mit der Labrador-Strömung pro Monat ungefähr sieben Kilometer weit. Vor Neufundland bleiben sie in der Regel ein bis zwei Wochen, bevor sie auseinanderfallen oder schmelzen.

Wer gerne wandert, hat am Cape Spear den East Coast Trail vor der Nase, der gut 200 Kilometer weit bis zur Avalon-Halbinsel an der Südostspitze führt. Unterwegs passsiert man unter anderem das kleine Bay Bulls, wo es mit dem Katamaran der Familie Gatherall zum Whale-watching raus auf den Ozean geht. Das Boot reitet über immer höhere Wellen zur Witless Bay Ecological Reserve, wo an Backboard der erste Wal auftaucht. Der anmutige Körper des Minkewals ist knapp unter der Wasseroberfläche erkennbar, er sprüht eine Fontäne in die Luft, verschwindet. Die Witless Bay Ecological Reserve auf einer winzigen Felseninsel dürfen Besucher nur vom Wasser aus bestaunen. Die Klippen sitzen voller Vögel, darunter Papageientaucher. Einige wollen ihre Flugkunst zur Schau stellen, schaffen jedoch immer nur Bruchlandungen auf dem Wasser.

Kajak fahren und Picknick im Sturm

Etwas, das man in Neufundland einmal machen sollte, ist Kajakfahren auf dem Meer. Als wir mit dem glatzköpfigen Guide Stan von Cape Broyle südlich von St. John’s aufbrechen, ist die See ganz ruhig. Mit der Strömung geht es auf bewaldete Felsen zu, wo Seeigel im Wasser treiben und ein kleiner Wasserfall zwischen Klippen in die Tiefe stürzt. Auch in eine enge Grotte kann man gerade so hineinfahren, deren Wände pink und grün schillern.

Nach mehreren Stunden auf dem Meer hat man sich ein gemütliches Essen im Warmen verdient – doch „warm“ ist nach Meinung der Neufundländer ein relativer Begriff. Am liebsten picknicken sie am Ferryland Leuchtturm weiter südlich, 1870 errichtet, in dem sich seit 2004 ein Café und Restaurant befinden. Wenn wie an diesem Tag nur leichter Sturm herrscht, sitzt man mit seinem Picknicktablett und dazu gegebenen Wolldecken draußen. Doch der Wind ist bei dem einmaligen, rauen Klippenpanorama und freiem Atlantikblick schnell vergessen.

Zum Ehrenneufundländer werden

Mein Tipp: Neufundland niemals verlassen, ohne vorher zum Ehrenneufundländer zu werden. Das geht ganz einfach durch die Zeremonie des ‚Screech in‘, die in vielen Bars startet. Dabei werden Wannabe-Neufundländer, genannt ‚Screechers‘, von einem echten Neufundländer, dem Zeremonienmeister, gefragt, ob sie zu Ehrenneufundländern werden möchten. Die richtige Antwort lautet „Indeed me is, me ol‘ cock!“ Dann leistet man einen Schwur, Neufundland zu lieben, endend mit „Long may your big jib draw“. In etwa „Lange möge dich dein großes Segel vorantreiben“. Danach geht’s zur Sache: Die Neulinge müssen einen toten Kabeljau küssen. Schritt zwei besteht darin, in einem Zug ein Glas Screech-Rum zu leeren, der vor etwa 50 Jahren aus Jamaika importiert wurde und heute zu Neufundland gehört wie die Eisberge. Als Nächstes folgen ein Stück Fleischpastete und ein dickes Bonbon. Die Zeremonie kann regional etwas variieren, doch wer alles mitmacht, bekommt ein Diplom, es zum Ehrenneufundländer geschafft zu haben.

Das schönste aller Dörfer

Da Neufundland an den Enden etwas ausgefranst ist, gibt es viele Halbinseln – darunter die Bonavista Halbinsel im Nordosten, wo ich einen magischen Ort entdecke: das Dorf Trinity mit vielen historischen, gut erhaltenen Gebäuden. Bereits aus der Ferne zeigt es sich mit seinen farbigen Holzhäusern von seiner besten Seite. Zwei, die sich um Trinity verdient gemacht haben, sind die Niederländerin Tineke Gow und ihre Tochter Marieke. „Mein Mann John und ich kamen Mitte der 70er Jahre erstmals nach Trinity, nachdem wir nach Neufundland gezogen waren“, erzählt Tineke. „Wir haben uns sofort in das Dorf verliebt und ein altes Haus gekauft, das wir Gover House nannten.“ Heute besitzen die Gows viele Häuser am Ort, die sie an Besucher vermieten.

Bei untergehender Sonne spaziere ich zum Hafen, wo tiefhängende Wolken den auf einer Insel gegenüber stehenden Leuchtturm umgarnen. Im Inneren der weiß gestrichenen Hauptkirche empfängt mich ein überwältigender Holzgeruch. Ich bleibe lange sitzen und schaue zu, wie das dämmerige Licht der Dunkelheit Platz macht. Noch schöner wird es erst am nächsten Tag auf dem 5,3 Kilometer langen Skerwink Trail gegenüber von Trinity, ein Rundweg über die Klippen. Unten auf dem Atlantik sprühen Fontänen auf, einige Wale sind gerade auf der Pirsch nach Kapelan, ihrem Lieblingsfisch. Die Stille ist so komplett, als wäre ich allein auf der Welt.

Eisberg auf der Zunge

Wenn ich mir etwas niemals erträumt hätte, dann ein Stück uralten Eisberges auf der Zunge. Doch Neufundland macht’s möglich – bei einer Bootstour von Bonavista aus, am nördlichen Ende der Halbinsel. Bereits wenige hundert Meter hinter dem Hafen wartet die erste Eisskulptur, die sich bereits in drei Teile aufgelöst hat. Das Wasser um sie herum schillert türkisfarben in der Sonne und verbirgt darunter die restlichen gut 90% des Eisbergs.

Als wir auf den nächsten, größeren Eisberg in Form einer Yacht zuhalten, bittet eine Kanadierin den Bootsjungen um etwas Eis für ihren Gin. Kein Problem: Als uns ein Teppich aus verschieden großen Eisstücken entgegenschwimmt, greift der Junge zum Fischernetz. Ganz bald lasse ich mir ein Stück vielleicht 25.000 Jahre altes Eis auf der Zunge zergehen. Es schmeckt … ehrlich gesagt nach nichts.

Go West

Meine letzten Tage in Neufundland verbringe ich im Gros Morne Nationalpark an der Westküste. Von Rocky Harbour, dem Hauptort, geht es an der Küste entlang nach Norden bis zum Western Brook Pond, einem Fjord mit Milliarden Jahren alten Klippen. Nach vier Kilometern Fußmarsch erreiche ich den Fjord, an dem wie in allen Nationalparks in Kanada große rote Holzstühle zum Ausruhen einladen. Angeblich wurden die ersten im Gros Morne Nationalpark aufgestellt. Ein Boot fährt Besucher tief in den Fjord, umgeben von bis zu 600 Metern hohen Bergen. „Dieser Pond wurde vor ungefähr 25.000 Jahren während der Kaltzeit durch Gletscher geformt und verlor seine Verbindung zum Meer, als die Gletscher schmolzen“, erklärt der Guide. Am Ende stürzt sich der Pissing Mare Wasserfall in die Tiefe. Zwar ist sein Name „pissende Stute“ wenig schmeichelhaft, aber er ist dennoch der zweithöchste Wasserfall Kanadas.

Im Gros Morne Nationalpark soll es drei Elche pro Quadratkilometer geben, wobei man aufpassen muss, nicht mal einen auf der Motorhaube des Mietwagens zu haben. Entlang des Viking Trail, einem pittoresken Highway an der Westküste Neufundlands, könnte man bis hoch nach Labrador fahren. Ich fühle mich leicht und frei, als ich zum Sonnenuntergang den Arches Provincial Park erreiche. Dort bleibe ich unter einem vom Ozean geformten Bogen sitzen, der mich vor dem kalten Wind schützt, und sehe zu, wie die Sonne im Meer versinkt. Sonnenuntergänge können einfach nie überbewertet sein.

Allein in der Natur

Eine der schönsten und wegen der Steile schwierigsten Wanderungen im Gros Morne Nationalpark führt in 16 Kilometern auf den 800 Meter hohen Gros Morne Mountain, den zweithöchsten Berg Neufundlands. Noch mehr beeindruckt mich jedoch eine weitere, unbedingt empfehlenswerte Wanderung in den Tablelands, einer Hochebene und dem geologischen Wunder des Nationalparks, dank dem er den UNESCO-Weltnaturerbe-Status bekam. Bereits in der Ferne setzt sich die rötliche Ebene vom Horizont ab – eine wüstenartige Mondlandschaft, die völlig gegen das übliche Grün Neufundlands verstößt und die nackte Erdkruste zum Vorschein bringt. Die aus Peridotite bestehende Hochebene bildete sich beim Aufeinanderprall von Erdschichten vor etlichen hundert Milliarden Jahren und ließ seitdem kaum Pflanzenwachstum zu.

Wege ins Innere gibt es nicht, man kann das Gestein nur ‚off the beaten track‘ erkunden. Über Felsbrocken stolpere ich entlang eines dürren Baches in Richtung eines noch teilweise mit Schnee bedeckten Berges, die Einsamkeit als einziger Begleiter. Umso größer ist meine Überraschung, als ich während einer Pause zwei Personen wahrnehme. Irgendwann treffen wir aufeinander und ich gehe mit Adam und seiner Freundin Steph aus London gemeinsam weiter. Wir wollen einen Bergsee auf einem kleinen Gipfel erreichen, kraxeln etwa 300 Meter hoch. Und werden von einem überdimensionalen Steinphallus empfangen, von wo der Blick über die Hochebene bis zum Meer weit hinten am Horizont reicht.

Steph teilt meinen Wunsch, noch schnell zu dem Schnee am Berg rüber zu flitzen. Wir klettern halsbrecherische Felsen hinab, nähern uns der dicken Schneeschicht, berühren sie. Das kühle Nass ist eine wohlverdiente Belohnung für unsere Kraxelei – und ein sonderbares Foto als Kulisse für Wanderer in Shorts und T-Shirt. Als wir nach mühsamen Stunden des Abstiegs den Ausgangspunkt erreichen, umarmen mich die beiden. „Als wir dich allein in der Steinwüste entdeckt haben, dachten wir, dass du echt mutig sein musst. Oder echt dumm“, gesteht Adam. Und ich bin dankbar, beides ein bisschen sein zu dürfen.

Lichtet die Anker!

Trotz aller Naturhighlights ist man nicht wirklich im Gros Morne Nationalpark gewesen, ohne ein Konzert von Anchors Aweigh gesehen zu haben, einer Kultband aus fünf älteren Herren, die ein paar mal wöchentlich im Ocean View Hotel in Rocky Harbour singen. Wayne, der Leadsänger, sorgt dank trockenem Humor sofort für Stimmung. „Kennt ihr die Werbung der Tourismusbehörde von Neufundland?“, ruft er in die Runde. „Darin seht ihr tolle Bilder von Neufundland, und am Ende kommt ‚Where is this place? It’s as far away from Disneyland as you can possibly get.’ Und das ist auch gut so! Wisst ihr warum?” Kopfschütteln. „In Neufundland freuen wir uns ehrlich über Besucher. In Disneyland freuen die sich auch, aber dann können sie es nicht erwarten, eure Ärsche wieder draußen zu sehen. Hier nicht, hier kommen wir sogar zu euch und reiben eure Ärsche für euch!“

Viele Lieder folgen – irisch angehauchte, neufundländische Musik, unter anderem mit dem Ugly Stick: einem Wischmopp mit aufgemaltem Gesicht und befestigten Bierdeckeln, damit es schön scheppert. Nach dem Konzert will die gesamte Familie, deren Tisch ich geteilt habe, auf Facebook mit mir befreundet sein. Es ist bereits stockdunkel, als ich mich von allen verabschiede und in mein Auto steige. Unter Milliarden von Sternen fahre ich auf dem vollkommen leeren Highway zurück nach Hause, bis in den letzten Winkel erfüllt von Neufundland.

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