Mein Bahamas-Highlight auf Andros: Eine Totenfeier

von Bernadette Olderdissen

Mein Bahamas-Highlight auf Andros: Eine Totenfeier

Die schönsten und wichtigsten Reiseerfahrungen bekommt man oft nicht in Reiseführern empfohlen, und sie lassen sich auch nicht so schnell nachmachen. Sie sind einfach Erlebnisse, manchmal ganz sonderbare, die man gerne weitererzählt. Wie meine Geschichte, warum ich auf einer Totenfeier auf den Bahamas landete und wie sie zum Highlight meiner Reise wurde.

Reisebericht

Da will ich auch hin!

Der Anfang

Ich bin auf Andros, der größten Bahamas-Insel und sogar fünftgrößten Karibikinsel. Der Flug von Nassau dauert nur 15 Minuten und ist die einzige Wahl, wenn man nicht auf die einmal wöchentlich verkehrende Fähre warten möchte. Im Vergleich zu vielen der anderen Bahamas-Inseln wird der „Naturstar“ Andros nicht so oft besucht – oder höchstens von Tauchern, denn hier befindet sich das drittgrößte Barrier Reef der Welt. Neben viel Dschungel und Wildnis. Wer nicht schon am winzigen Flughafen, wo das Gepäck am Zaun abgeladen wird, abzuschalten beginnt, der macht etwas falsch.

Die Auswahl an Unterkünften ist klein. Ich schlafe in der Small Hope Bay Lodge bei Andros Town, die 1960 von dem Kanadier Dick Birch eröffnet und bis heute von dessen Sohn Jeff und den Enkelkindern Casey und Bryan weitergeführt wird. Und es ist von hier, dass ich mit einem Fahrrad ohne Gänge aufbreche, um diesen Teil der wilden Insel und ihre Menschen kennenzulernen.

On the road

Meist treffe ich auf Reisen die spannendsten Menschen irgendwo am Wegesrand. Es ist auch auf der Straße, dass die Bahamas für mich aufhören, nur ein Urlaubsziel für Schwerreiche zu sein. Ich halte immer wieder an, spreche mit Leuten, die mir zuwinken oder mich anlächeln. Darunter der 76-jährige ‚Daddy Cool‘, der im Sicherheitsbüro einer Feldstation arbeitet. Mit seinem überdimensionalen Strohhut, einem weißen Hemd und ebenso weißen Gummistiefeln, schwarzer Hose und einem Fernglas um den Hals erinnert er mich an eine Comicfigur. „Komm zu mir, Baby!“ Er schließt mich in seine Arme wie eine langjährige Freundin, stellt sich als Daddy Cool vor. „Seit meiner Heirat nenne ich mich so. Da habe ich mir gedacht, jetzt darf ich keiner Versuchung mehr nachgeben, muss ganz cool bleiben. Wir haben ohnehin keine Möglichkeit, Gott zu entkommen.“ So wie Goldie, die leider vor ein paar Tagen verstorben sei – ob ich sie nicht gekannt habe. Ich bin erst seit einem Tag auf Andros, kenne niemanden. Daddy Cool lächelt. „Schade, sie war eine ganz besondere Frau.“

Dann stoße ich auf Elizabeth Hanna, eine Buschmedizinerin. Die Buschmedizin sei auf Andros über viele Jahrhunderte überliefert worden, sogar von ihrer Mutter und Großmutter. „Mittlerweile widme ich mich ganz der Medizin und der Cancer Society, das ist eine staatlich unterstützte Krebsstation in Love Hill.“ Love Hill ist ein winziges Dorf nicht weit von meiner Unterkunft entfernt. „Ich versuche, Treffen für Frauen mit Brustkrebs zu organisieren, damit sie sich austauschen.“ Die Brustkrebsrate auf Andros sei besonders hoch und viele Frauen nähmen den Flug nach Nassau, um sich behandeln zu lassen, nicht in Kauf. Auch Goldie sei an Krebs gestorben. Da ist er wieder, der mysteriöse Name, den ich schon von Daddy Cool gehört habe. Ich werde neugierig.

Der Strand

Nach vielen Gesprächen möchte ich zum angeblich schönsten Strand von Central Andros, Somerset Beach. Kurz hinter der Small Hope Bay Lodge schallt laute Partymusik aus einem Haus, Leute schleppen Bierkästen rein und im Garten werden Lautsprecher aufgebaut. „Macht ihr eine Party?“, frage ich. „Es gibt heute Abend eine Totenfeier für Goldie, die Mutter von Sammy, dem Barbesitzer, du kannst auch kommen!“ Die Tote ist auf Andros an diesem Tag omnipräsent, und nun bin ich auch noch zu ihrer Totenfeier eingeladen. Ich stelle mir vor, in Deutschland würde ein unbekannter Gast bei einer Totenfeier erscheinen und entscheide mich schnell dagegen.
Nach 40 Minuten schweißtreibendem Radeln stoße ich auf einen unbeschilderten Schotterweg – hier irgendwo muss Somerset Beach sein. Mein Herz hüpft vor Freude, als ich hinter den Bäumen einen perfekt weißen Sandstrand und blaues Wasser erspähe. Hier bleibe ich, bis sich die Sonne hinter den Bäumen versteckt und frischer Wind aufkommt.

Eigentlich bin ich nach dem Ausflug müde, will zurück zur Lodge. Doch dann radle ich an Sammy’s Bar vorbei, aus der Calypso-Beats und Gelächter schallen. Ist das nicht die Bar des Mannes, dessen vielbeschworene Mutter gestorben ist? Etwas zieht mich rein.
Es ist, als würde die Zeit einen Moment anhalten. Vier Männer am Bartresen starren mich an. Dann erwachen sie aus der Starre, ich werde sofort auf ein Bier eingeladen. Fünf Minuten später sind Nick, Lyndon & Co. meine Kumpels. „Kommst du heute Abend zur Totenfeier?“, fragt mich Lyndon und bietet sogar an, mich abzuholen. Auch Nick will mich überzeugen – die Totenfeier der alten Goldie sei DAS Event des Jahres, die ganze Insel würde kommen, da dürfe ich doch nicht fehlen. Und dieses Mal sind aller guten Dinge vier: Etwas sagt mir, dass ich nach so vielen Einladungen einfach dabei sein muss.

Totenfeier auf Bahamaisch

Um kurz nach neun geht es los. Tarran, ein Lodge-Mitarbeiter, der ebenfalls zu Goldie möchte, nimmt mich mit. Er führt mich in ein Haus, wo ich einer von Goldies neun Töchtern vorgestellt werde. Sie begrüßt mich herzlich. „Meine Mutter ist an Magenkrebs gestorben, schlimme Sache, sie muss nun nicht mehr leiden.“ Von den Lodge-Besitzern habe ich zuvor erfahren, dass Goldie, mit richtigem Namen Yvonne Rahming, eine der stärksten Frauen der Insel war, eine wahre Chefin ihres Matriarchats, weithin gefürchtet, aber auch geliebt. Am Küchentisch sitzen Frauen und bereiten Essen zu. Ich bekomme eine Bierflasche in die Hand gedrückt, bevor mich Tarran ins Haus gegenüber führt, Goldies Haus.
Im Zimmer neben dem Eingang lümmeln sich etliche Kinder auf Sofas, andere hocken oder liegen am Boden, viele starren auf Handys. Sie wollen, dass ich ein Foto von ihnen mache. Trotz mindestens zehn Versuchen ist es unmöglich, ein nicht verwackeltes hinzubekommen, denn die Kids sind so aufgekratzt, dass sie nicht eine Sekunde stillhalten können.

Eine weitere Tochter Goldies bietet mir noch ein Bier an, dabei habe ich kaum am ersten genippt. Als die Kinder lachend und schreiend vorbeidrängen, werde ich mit auf die Veranda geschoben, wo etliche Frauen zusammensitzen. Und unter ihnen ein Hahn im Korb, ein älterer Mann, der mich etwas zu lange anstarrt. Mit einem Blick, der eine Überdosis Viagra vermuten lässt. „Du bist aber schön, wie heißt du?“ Als ich meinen Namen nenne, jauchzt er auf. „So ein Zufall, ich heiße Bernard! Das ist Schicksal!“ Bernard, den ich auf mindestens 70 schätze, beugt sich vor. „Ich bin vielleicht alt, aber mein Schwanz, der funktioniert noch!“ Die Frauen schreien empört auf, während er mir beichtet, dass er nur aus Nassau zur Totenfeier seiner Tante gekommen sei, um eine Frau aufzureißen – nach vier Ehen sei er gerade wieder Single.

Mittendrin

Bald wird im leeren Nachbarshaus weitergefeiert, dessen großes Wohnzimmer als Festsaal hergerichtet ist. Mehrere Reihen Stühle stehen bereit, ebenso ein Schlagzeug, Keyboard und Mikrofone. Die ersten Frauen nehmen Platz, eine beginnt mit starker, klarer Stimme die schönste Gospelmelodie zu singen. Weitere stimmen ein. Plötzlich durchbricht ein Schrei den Gesang: Eine von Goldies Töchtern reißt die Hände hoch, kreischt, lässt den Tränen freien Lauf. Einige stürzen zu ihr, trösten, streicheln, bringen Wasser. „Wir behalten nichts für uns, wir lassen alle raus“, habe ich bereits von der Medizinfrau gelernt.

Stundenlang schaue ich den Tanzenden zu, lausche Gesängen und Geschichten. Junge Frauen drehen kichernd Selfie-Videos, Bier- und andere flaschen werden in dem stickigen Raum verteilt und zügig geleert. Goldies Sohn Sammy, der Barbesitzer, singt gemeinsam mit einer Frau, was der Brustkorb hergibt, sprüht vor Freude und fällt im nächsten Moment vor Trauer in sich zusammen. Er zeigt, wie nah die schönsten und schlimmsten Emotionen beieinander liegen, und Familie und Freunde spiegeln mit Gesang und Tanz, aber auch durch ihre Tränen, seine Gefühle wider. Im Nebenraum wird Hühnersuppe serviert, draußen jubeln Kinder. „Wir wollen Goldies Leben feiern, nicht ihren Tod beklagen“, heißt es in einer kurzen Rede.

Immer wieder trifft der strenge Blick einer älteren Frau meinen – von mehreren farbigen, bedruckten T-Shirts der Sänger und Tänzer. „Goldie“ steht dick unter dem aufgedruckten Foto einer streng dreinschauenden Dame, darüber „Gone but not forgotten“. Auf dem Rücken der T-Shirts prangt wie auf einem Fußballtrikot eine riesige, blaue 80. Goldies Alter.

Je länger ich dort sitze und den Blick den lachenden Gesichtern zuwende, um die Tränen und schmerzverzerrten Mienen nicht zu sehen, desto mehr glaube ich, Goldie auch gekannt zu haben. Ich bin mittendrin in einer kleinen Gemeinschaft von Androsians, irgendwo auf den Bahamas. Trauere um eine Frau, die ich nie getroffen habe. Und bin dankbar, dass ich ihretwegen das Schönste empfinde, was mir auf Reisen passieren kann: mich richtig zugehörig zu fühlen.

Die Reise wurde unterstützt vom Tourismus-Ministerium der Bahamas mit Direktflug mit Condor von Frankfurt nach Nassau.

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