Kangaroo Island - South Australias wilde Insel

von Bernadette Olderdissen

Kangaroo Island - South Australias wilde Insel

Gut 100 Kilometer von Adelaide entfernt befindet sich Australiens drittgrößte Insel, die mehr bietet als nur die namensgebenden Kängurus. Die natürlich vielerorts fröhlich herumhüpfen, während die Wipfel der Eukalyptusbäume den Koalas gehören, mancher Strand australischen Seelöwen und die Felsen den Pelzrobben. Kangaroo Island ist eine Insel, wo die Natur noch die Oberhand hat.

Reisebericht

Wäre dies ein Comic, dann wäre Mark der Inbegriff des Outback-Australiers. Mit einem Akzent, der so breit ist wie seine Schultern und braunem Aussie-Lederhut. Fünf Uhr morgens und das Grinsen des Sechzigjährigen sitzt. Während es in Richtung Cape Jervis auf der Fleurieu Halbinsel in gut 110 Kilometer Entfernung geht, schiebt sich die Schwärze der Nacht langsam hinter den Horizont und macht jenen Rosa- und Orangetönen die Bühne frei, die nur ein früher Morgenhimmel zustande bringt. „Jetzt sind die Kängurus noch aktiv und suchen nach Nahrung“, erzählt Mark. Er hat recht: Wie die Hasen am Waldrand daheim, sammeln sich Kängurus auf den goldgelben, hügeligen Feldern, nippen am Gras, hüpfen davon. Ich kann mich noch immer nicht an ihnen sattsehen, schaue fasziniert zu, wie ein Kängurukind stets der Mutter auf dem Absatz folgt.

Als wir Cape Jervis erreichen, steht die Sonne bereits hoch am Horizont, heizt trotz des beginnenden Herbstes ein. Noch besteht eine einzige Fährverbindung rüber nach Kangaroo Island, das etwa 13 Kilometer vom Festland trennen, der Sealink. Die fehlende Konkurrenz macht die Überfahrt recht teuer, doch laut Mark ist eine weitere Verbindung in Planung, die Hin- und Rückfahrt für 50 AUD vorsieht. Bevor der Bus auf die Fähre darf, müssen sämtliche Koffer und Proviantkisten in einen speziellen Anhänger verfrachtet werden, der Bus muss auf dem Schiff leer sein. Warum? Halt eine dieser Regeln.

Animals rule

Auf ungefähr 4.500 Einwohner auf Kangaroo Island kommen sehr viel mehr Tiere. Die Insel empfängt uns mit weißem Sandstrand und blauem Meer wie auf Karibikpostkarten, nur, dass das Wasser ein paar Grad frischer ist. Und die Kulisse ist nicht karibikglatt, sondern rau und spröde, den Launen des Ozeans ausgeliefert. Mark steigt vor einem winzigen Markt in dem Dorf Penneshaw auf die Bremse, will die letzte Möglichkeit nutzen, Alkohol fürs „Barbie“ – BBQ – am Abend zu besorgen. Sonst gibt es auf der Insel fast nichts mehr, oder höchstens noch Honig, Honigeis oder Honigjogurt am Honey Beehive, einer Bienenhütte- oder farm von Peter Davis. Der gebürtige Insulaner erzeugte als einer der ersten organischen Honig in Australien und produziert mittlerweile jährlich etwa 100 Tonnen davon. Damit schützt er nicht nur die Erzeuger, eifrige ligurische Honigbienen, sondern fördert sie auch noch.

Nach der Bienenfarm war’s das erstmal mit Zivilisation, es geht auf eine roterdige Off-road zu einem Billabong, wo Tische und Bänke zum Picknick einladen. „Billabong stammt aus der Aborigines-Sprache und bedeutet eine Art Wasserloch, das sich in der Regenzeit füllt und danach wieder austrocknet“, erklärt Mark. Somit sind Billabongs wichtige Wasserstellen für Tiere. Doch nicht alle scheren sich um das nasse Gut, wie ein Koala, der in einem Baumwipfel zwischen Zweigen hockt und sein üppiges Hinterteil zur Schau stellt. Bereits die Aborigines wussten, dass Koalas nicht die größten Trinker sind – in ihrer Sprache heißt „Koala“ so etwas wie „ohne Wasser“. „Koalas fressen Eukalyptus-Blätter, und die stecken voller Wasser“, weiß Mark. Und dass nicht Faultiere, die an die 16 Stunden täglich schlafen, die faulsten Tiere der Welt sind, sondern Koalas, die sogar 20 Stunden schlafen können. Immerhin muss man ja Energie für die Verdauung sparen, denn die Eukalyptusdiät steckt voller Zucker, Eiweiß, Stärke und Fett und lässt den Magen langsam mahlen.

Seelöwen-Alltag

Ein bisschen komisch ist es schon, wenn sich an einem Strand anstelle von Menschen lauter Seelöwen in der Sonne aalen und statt Kindern große und kleine Seelöwen in die Wellen hüpfen. Den Sonnenbadenden entsprechend nennt sich die Bucht auch Seal Bay und gehört zu einem Nationalpark, wo die australischen Seelöwen geschützt werden, eine der sechs noch überlebenden Seelöwenarten weltweit. Den Strand darf man nur zusammen mit einem Naturschützer betreten, der ein Auge darauf hat, dass Besucher die Tiere in Ruhe lassen und keinen Unsinn anstellen. „Eine der größten Gefahren für die Seelöwen sind Fischer, denen sie versehentlich ins Netz gehen“, erklärt der Guide. Dabei seien die Tiere noch in den 50er Jahren als Köder für den Haifang missbraucht worden.

Den Seelöwen sind die Besucher am Strand völlig wurscht, sie sind mit ihren Alltagsproblemen beschäftigt. Die denen der Menschen gar nicht unähnlich scheinen, wie ich bald feststelle: Ein stattliches Männchen mit Bierbauch – oder was Seelöwen sonst so trinken – schreit ein hübsches, wohlgeformtes Weibchen vor aller Augen zusammen. Dieses lässt den Schreihals zu Ende brüllen, schenkt ihm einen gelangweilten Blick und lässt ihn dann mit erhobener Nase links liegen. Wer hätte das gedacht! Ob Mensch oder Seelöwe, wenn so ein Kerl meckert, geht das zum einen Ohr rein, zum anderen raus.

Farmleben

Wer sich kein Luxus- oder anderes Hotel leisten möchte, übernachtet in der Flinders Chase Farm am Flinders Chase Nationalpark. In der sogenannten Working-Farm ernten, jäten und pflücken viele junge Leute aus aller Herrenländer während ihres Work & Travel-Jahres. Gegen Abend entladen sich die dicken schwarzen Wolken, die aufgezogen sind, über uns, während immer mehr triefende und verschlammte Kids von der Kartoffelernte zurückkommen. Sie übernachten in Mehrbettzimmern, aus denen bald ein eindeutiger Grasgeruch strömt. Work & Travel & Fun eben.

Mark wirft in der Zwischenzeit das Barbie an. Die kleine Gruppe schneidet das Gemüse dafür, er Känguru,- Rind- und Huhnfleisch. Dann sitzen wir in der offenen Wohnküche zusammen an einem langen Tisch mit Holzbänken wie im Biergarten. Das frisch Gegrillte schmeckt noch besser, wenn dazu der Regen aufs Wellblechdach trommelt. Die Kängurubeobachtung draußen mit Mark fällt an diesem Abend buchstäblich ins Wasser, doch zumindest ein Wallaby – eine kleine Känguruart – erbarmt sich unserer und hoppt wie selbstverständlich in die Küche, steckt die Zunge in die Hundewasserschale und entschwindet gut gestärkt wieder in der feuchten Nacht.

Richtung Westen

Es ist 6.30 Uhr und fast Sonnenaufgang, als ich nach draußen zur Toilette schleiche. In deren Nähe ein paar weiße Laken im Wind schwingen. Und da bewegt sich noch etwas anderes. Ich glaube es nicht! Zwei Kängurus streichen zwischen der Wäsche umher, picken etwas vom Boden auf. Als sie mich hören, sehen sie auf und mich an, als wollte ich mich an ihrer Bettwäsche vergreifen. Schweren Herzens überlassen sie mir dennoch das Terrain und hüpfen von dannen. Weitere Kängurus zeigen sich bei meinem Spaziergang über die Felder leider nicht, dafür aber eine glühend rote Sonne, die über den Horizont kriecht.

Nachdem Mark auf dem Barbie Pancakes zum Frühstück gebacken hat, geht es zum Flinders Chase Nationalpark, wo der Koala Walk die beste Chance bietet, nicht nur Koalas, sondern auch morgenaktive Kängurus zu spotten. Schon macht sich der erste Koala kamerafein, legt an diesem Morgen sogar echt viel Action an den Tag, da er mal nicht faul in den Zweigen hängt, sondern sich daran hochzieht und ein paar Eukalyptus-Blätter schlemmt. „Das ist normal, der Regen gibt ihnen einen Kick“, meint Mark. Den Kängurus wohl auch, die noch beim Frühstück sind, und ihr von der nassen Nacht zerzaustes Fell in der Sonne trocknen lassen. „Die Inselkängurus sind eine Unterart des Western Grey Kängurus“, erzählt Mark. „Wegen der Isolation haben sich die Tiere hier etwas anders entwickelt, sie sind kleiner, dunkler und haben längeres Fell als die Kängurus auf dem Festland.“

Der westliche Teil der Insel beim Flinders Chase Nationalpark ist der bei Besuchern beliebteste, denn dort gibt es gleich mehrere Highlights: Unweit des Cape du Couedic Leuchtturms führt eine Treppe über die Klippen nach unten, wo jede Menge Pelzrobben sonnenbaden. Doch der wirkliche Höhepunkt ist der Admirals Arch, ein von Meer und Wind gegerbter Torbogen in den Klippen.

Nur wenige Kilometer weiter das nächste Must-see: die Remarkable Rocks, bemerkenswerte Steine. Gut zu sehen sind sie auf jeden Fall, die teils rostfarbenen Felsen aus Granit, die seit 200 Millionen Jahren jeder Witterung ausgesetzt sind und kurz überm Abgrund balancieren. Doch wie bei vielem, das einem ständigen Kampf ausgesetzt ist, sind die Felsen von einzigartiger Schönheit.

Abschied

Beim Picknick zu Mittag besuchen uns hungrige Wallabys und Kängurus. Füttern ist allerdings verboten. Sanddünen auf einem Schlitten oder Board runterfahren dagegen nicht, eine der angeblich spannendsten Aktivitäten auf Kangaroo Island. Für die Rutschpartie fährt man nach Little Sahara bei Vivonne Bay, eine Sanddünenlandschaft von etwa zwei Quadratkilometern. Nachdem ich in Nicaragua einen Vulkan auf einem Stück Holz runtergebrettert bin, ist das Sandboarden natürlich Peanuts, aber mitmachen tue ich trotzdem. Doch ähnlich wie bei der harten Vulkanasche bleibt auch hier das Board auf dem vom Regen noch feuchten Sand dauernd stecken.

Am Ende sitze ich voller Sand, der sich in meine Sonnencreme verknallt hat, wieder auf der Fähre. Glücklich, erfüllt. Natürlich würde ich gern länger auf Kangaroo Island bleiben, auf diesem Eiland, wo nicht der Mensch, sondern die Natur der Boss ist. Ich hoffe, dass sich dies so schnell nicht ändert. Dass die Koalas weiter träge in ihren Bäumen verdauen, die Kängurus frische Wäsche umhüpfen, Seelöwen am Strand ihren Ehestreit ausleben. Die Sonne versinkt hinterm Pazifik und ich hebe meinen Honigjogurt-Becher von der Bienenfarm und proste ihr zu. Auf dass viele weiterer solcher Tage folgen.

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