Onsen – Warum Japans Gemeinschaftsbäder gut für die Seele sind

von Bernadette Olderdissen

Onsen – Warum Japans Gemeinschaftsbäder gut für die Seele sind

Onsen, heiße Quellen, sind etwas typisch Japanisches, die das Land seinen vielen vulkanisch aktiven Gebieten verdankt. Zunächst mag es westlichen Besuchern befremdlich erscheinen, sich zusammen mit einer Menge nackter Japaner zu duschen und dann gemeinsam in eine Art großer Badewanne voller heißem Wasser zu springen. Dieser Artikel berichtet, warum es dennoch gut tut, sich einfach darauf einzulassen und was man dabei lernen kann.

Reisebericht

Da will ich auch hin!

Fauxpas und Fettnäpfchen

Zugegeben, als Neuling in Japan fühlt man sich von den gesellschaftlichen Regeln und Erwartungen schnell überrumpelt. So viele Fettnäpfchen liegen trittbereit überall aus, und man riskiert, bald vollkommen gesichtslos dazustehen – denn jeder Fauxpas bringt auch einen Gesichtsverlust mit sich. Bestenfalls nur von seiner eigenen Wenigkeit, schlimmstenfalls ebenso vom Gegenüber. Hat man die Schuhe nicht bereits vor der ersten Stufe im Haus ausgezogen, ist es zu spät. Ebenfalls, wenn man mit den Hauspantoffeln in die Toilette spaziert und dabei die extra aufgestellten Toilettenslipper übersieht, auf denen oft noch fett gedruckt „Toilet“ steht – besonders in Hotels mit Gemeinschaftstoiletten auf Englisch, damit es auch der dümmste westliche Trottel kapiert. Und dann ist da noch die Sache mit den Hierarchien, welche die Japaner so ernst nehmen, dass sogar die japanische Sprache verschiedene Ansprache-Möglichkeiten für Höhergestellte oder die armen Würstchen ganz unten bereitstellt. Man darf beim Essen nicht die Nase putzen, die Stäbchen keinesfalls im Reis stecken lassen oder sich sonst unangemessen benehmen, sonst ist man unten durch. Und dann kommen die Onsen.

Vor meinem ersten Gemeinschaftsbad kam ich schon vorm Eintreten ins heiße Wasser richtig ins Schwitzen, so sehr war ich in Sorge, auch hier wieder allerhand falsch zu machen. Und ja, es gibt sie auch hier, die Regeln. Aber es sind einige wenige, und beherrscht man sie einmal, kann man gemeinsam mit den Einheimischen den Stress von Alltag und Hierarchien sowie Erwartungen schon beim Duschen abspülen und einfach zusammen nackt und glücklich sein.

Das erste Mal – so geht's

Onsen, auf Japanisch 温泉, findet man auf Karten oder Schildern oftmals als 湯 oder ゆ – yu, heißes Wasser. In den meisten Fällen gibt es Onsen in einem Hotel, denn sie sind nichts anderes als von natürlichen heißen Quellen abgezapfte Bäder. Da bin ich also in Hokkaido, auf der großen, nördlichsten Insel Japans, und bekomme in meinem Hotel in dem Dorf Kawayu Onsen – wie selbst der Ortsname verrät, gibt es hier besonders viele heiße Quellen – gesagt, es gäbe keine Duschen. Oder doch, aber halt im Onsen. Ach du Schreck! Drei Tage nicht duschen ist auch keine Lösung, und so einen Onsen wollte ich doch schon lange mal ausprobieren. Da fast niemand im Hotel auch nur ein Wort Englisch spricht, bekomme ich keine Erklärungen, was ich beachten oder machen soll. Auch keine Infobroschüre. So was hat man einfach zu wissen. Challenge accepted.

In meinem Zimmer liegt eine Yukata im Schrank, das ist eine Art vereinfachter Kimono und auf gut Deutsch gesagt so etwas wie ein nicht frottierter, dünner Bademantel. Ich ziehe das Teil, das mit einem Gürtel vorne zusammengebunden wird, über und stiefele los. Schon überkommen mich Zweifel. Ich habe doch wirklich richtig verstanden, dass man nackt in so einen Onsen geht und nicht etwa in Badekleidung? Was, wenn ich allein nackt dastehe und alle anderen Badeanzüge tragen? Ich schiebe klopfenden Herzens die Tür hinter dem roten Vorhang auf – nebenan hängt ein blauer, das zumindest scheint unmissverständlich. Ich habe gelesen, dass früher ein ganzes Dorf gemeinsam im Onsen-Becken badete, bis die Verwestlichung Japan erreichte und mit der Meiji-Zeit nach Geschlechtern getrennte Onsen eröffnet wurden. Hauptsache, man konnte weiterhin nackt baden, denn dies ist eine der wesentlichen Grundlagen der Onsen.

Und nun zu den wichtigsten Regeln, die ich Learning by doing erfahren habe:

  1. Zieht euch sofort nach Betreten des Umkleideraums die Schuhe aus, damit ihr den Bereich nicht verschmutzt. Meistens geschieht dies schon vor einer hölzernen Stufe, wie mir eine nackte Japanerin freundlicherweise vormacht.
  2. Zieht euch in dem Raum nackt aus und legt eure Kleidung in einem der bereitgestellten Körbe oder Fächer ab.
  3. Wenn ihr nackt seid, dürft ihr in den eigentlichen Onsen-Raum nebenan gehen. Dort gibt es in der Regel mehrere Duschen mit niedrigen Spiegeln und Shampoo sowie Duschgel davor. Nehmt euch einen Schemel und setzt euch darauf – im Stehen duschen geht gar nicht! Wundert euch nicht, dass die Japanerinnen für die Körperreinigung ziemlich lange brauchen. Geschlechtsteile und Füße sind der schmutzigste Teil, sie sollten besonders intensiv mit Wasser übergossen werden. Es ist auch durchaus normal, wenn sich Japanerinnen hier der Intimrasur hingeben, denn für viele ist dies eine Art Ersatz des privaten Badezimmers. Auch ihr solltet euch ausgiebig mit Seife und Shampoo waschen, denn die schlimmste Sünde ist es, das Onsen-Wasser zu verschmutzen.
  4. Spült Seife und Duschgel unbedingt gründlich ab, denn auch sonst verschmutzt ihr den Onsen.
  5. Es ist okay und sogar angebracht, ein kleines, mit kaltem Wasser durchtränktes Handtuch auf den Kopf zu legen. Das Onsen-Wasser kann sehr heiß sein und dieses Handtuch kühlt den Körper ein wenig und kann auch zum Schweißabwischen genutzt werden. Es darf aber auf keinen Fall benutzt mit dem Onsen-Wasser in Berührung kommen.
  6. Wenn ihr das Onsen-Becken verlasst, wascht euch noch mal gründlich mit Seife und Shampoo und trocknet euch dann im Umkleidebereich gut ab.

Leicht gemacht, oder?

Japanerin für eine Stunde

Das erste Mal schaue ich einfach zu, wie es die Japanerinnen machten. Kaum jemand nimmt Notiz von mir, und innerhalb weniger Minuten fühle ich mich erstmals wie eine von ihnen. Die Japaner gehen in den Onsen, um sich von der Arbeit zu erholen, um den Alltag hinter sich zu lassen. So ähnlich, wie wir in die Sauna gehen, nur dass wir in kleinen Kabinen gemeinsam schwitzen und nicht in einer heißen Wanne sitzen. Wer daheim keine Hemmungen hat, nackt in die Sauna zu gehen, sollte sich also auch mit dem japanischen Onsen in dieser Hinsicht nicht allzu schwer tun. Nur, dass es sich noch ein bisschen intimer anfühlen kann, weil man sich fast Hintern an Hintern zusammen wäscht. Zuerst kommt es mir sonderbar vor, in meinem japanischen Hotel nur im Onsen duschen zu können, bin ich doch daran gewöhnt, meine Privatdusche auf dem Zimmer zu haben oder zumindest eine abschließbare Duschkabine auf dem Gang. Aber auch daran gewöhne ich mich schnell.

Als ich in das Onsen-Becken trete, kommt es mir zuerst vor, als würde ich in eine zu heiße Badewanne steigen und müsste schnell kühles Wasser nachlaufen lassen. Ich habe keine Ahnung, wie heiß genau das Wasser ist. 40 oder 50 Grad? 60? Ich weiß es nicht. So heiß, dass ich danach aussehe wie ein frisch gekochter Hummer.

In der Regel herrscht im Onsen genau wie in der Sauna Schweigen, doch manchmal kommen auch leise Gespräche zustande. Mein Eindruck ist, dass die Japaner mit der Kleidung auch einen Teil ihrer sozialen Zwänge ablegen, entspannter werden, und wie ich bald erfahre, habe ich recht: Im Onsen wird der strenge Verhaltenskodex der Japaner gelockert, Hierarchien verlieren für ein Stündchen an Bedeutung. Der Firmenchef und der neue Praktikant können in aller Ruhe nebeneinander im Wasser schwitzen und dann gemeinsam duschen.

Außerdem fällt mir bald etwas auf, das ich im normalen japanischen Alltagsleben kaum erlebt habe: Fremde beginnen auf einmal, sich anzulächeln und miteinander zu sprechen. Auch ich werde in Gespräche einbezogen, gefragt, woher ich komme, und das Gefühl der Zugehörigkeit wächst. Vielleicht sollte man öfter mal irgendwo nackt zusammensitzen.

Risiken & Nebenwirkungen: Absolute Entspannung

Dem Onsen-Bad wird viel Gutes nachgesagt. So soll es beispielsweise genau wie eine Sauna oder ein Hamam gut für die Durchblutung und die Haut sein und Muskelspannungen lösen. Was ich jedoch in erster Linie spüre, ist, wie meine geistigen Anspannungen langsam dahinschmelzen. Jeder Onsen, den ich in Hokkaido besuche, ist einzigartig. Ich sitze im Dachterrassen-Onsen des Shiretoko Grand Hotel unter den Sternen und schaue zu, wie sich mein Atem mit dem Dampf des heißen Wassers in der kühlen Abendluft mischt. Im kleinen Garten-Onsen meines Hotels in Kawayu Onsen, den ich ganz für mich habe, genieße ich die letzten Sonnenstrahlen des Tages, während das heiße Wasser langsam aus einem Rohr plätschert und sich ein Vogel auf einem Ast schräg über mir putzt.

Am unvergesslichsten jedoch ist der öffentliche Onsen, wo Männer und Frauen nur von einem dicken Stein in der Mitte getrennt sind, über den ich eines Morgens am Kussharo-See stolpere. Hier ist alles entspannter als anderswo. In einer winzigen Holzhütte kann man sich umziehen und sich dann neben dem Becken einen Eimer Wasser überkippen. Duschen, Seife und Shampoo gibt es nicht, dafür aber eine echt tolle Aussicht. Ich sitze im perfekt warmen, einmal nicht zu heißen Wasser und lasse meine von daheim mitgenommenen Probleme mit dem aufsteigenden Dampf in den blauen Morgenhimmel ziehen. Die Sonne strahlt hinter mir durch die Bäume und malt den See in den kräftigsten Blautönen aus. Ich überlege, wann ich mich das letzte Mal so unbeschwert und glücklich gefühlt habe. Als es mir nicht einfällt, schalte ich das Denken ganz ab.

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