Hands-off in Thailand: Elefantenvergnügen mal anders

von Bernadette Olderdissen

Hands-off in Thailand: Elefantenvergnügen mal anders

Elefantenreiten, Baden auf den Dickhäutern und Kunststücke sind mittlerweile verpönt – aus gutem Grund. Der Elephant Nature Park bei Chiang Mai, betrieben von der thailändischen Tierschutzaktivistin Lek Chailert, ist ein Vorzeigeprojekt der Tierhaltung für Elefanten und andere gerettete Vierbeiner. Dort schaut ihr den Tieren zu, wie sie frei leben, eigene Freunde suchen und miteinander baden. Und nicht nur das – mit dem Eintrittsgeld leistet ihr einen Beitrag zum Tierschutz in Thailand.

Reisebericht

Eigentlich sind die von Ausländern heißgeliebten ‚elephant pants‘ bei Thailändern selbst verpönt, aber eine kann sie problemlos tragen: Saengduean Lek Chailert, 1961 im Khamu-Volksstamm Nordthailands geboren, die sich der Rettung von Elefanten, Büffeln, Hunden, Katzen und weiteren Fellnasen in Not verschrieben hat. Es klingt nach Untertreibung zu sagen, dass sie den Elephant Nature Park 60 Kilometer nördlich von Chiang Mai, der seinen Ursprung 1998 fand, gründete. Die mehrfache Preisträgerin, vielen unter dem Spitznamen ‚Lek‘ bekannt, verbindet eine lange Geschichte mit Elefanten und anderen Tieren, sie steht für den Kampf für das Wohl der Dickhäuter und erleidet aufgrund ihres ungewöhnlichen Engagements viel Kritik. „Man muss schon verrückt sein, um sowas zu machen“, lautet das Fazit einer Besucherin nach einem Gespräch mit Lek, Thailändisch für ‚klein‘. Sie hat recht – und ich wünsche mir, dass es mehr Verrückte wie Lek gäbe.

Das Nationaltier, ein Sklave

Der erste Eindruck des Elephant Nature Parks unterscheidet sich nicht groß von vielen anderen Elefantencamps: Besucher quetschen sich auf die Terrasse des offenen Gebäudes, um schnell Bananen und aufgeschnittene Wassermelonen in die ausgefahrenen Elefantenrüssel zu schieben. Glücklicherweise endet bei der Fütterung die Gemeinsamkeit mit vielen der circa 133 Elefantencamps in Thailand – und auch die Interaktion von Besuchern und Tieren. Ausritte auf Elefantenrücken und Baden mit den Dickhäutern sucht man hier vergebens auf dem Programm, denn die Tiere sind innerhalb des Geländes frei – und baden wann und solange sie wollen, und zwar nur mit ihren Kumpeln. Für die 84 Elefanten im Park ist es vorbei mit Gewalt und brutaler Domestizierung, damit sie gehorchen und Tricks aufführen.

Der Elephant Nature Park von zwei Quadratkilometern Größe ist das erste Elefanten-Tierheim dieser Art in Thailand und öffnete 1998 unter der Organisation Green Tours fürs Publikum. Jedoch gelang es Lek Chailert erst 2003 durch die Spende von 6,5 Millionen Baht – etwa 183.000 Euro –, ihr eigenes Land zu erwerben und den Elefantenpark ganz nach ihren Vorstellungen zu gestalten: als Freiraum für misshandelte, teils behinderte und alte Tiere. Doch Leks Beziehung zu den Dickhäutern entstand bereits in ihrer Jugend: „Ich war 16, als ich durch den Dschungel lief und schreckliches Gebrüll hörte. Ich ging hin und sah einen mageren Elefanten, der Baumstämme schleppen musste und dabei geschlagen wurde. Er sah mir in die Augen und schrie, als wollte er mich fragen „Warum?“. Diese Szene ließ mich nie wieder los, ich fühlte mich verantwortlich.“ Nach diesem Erlebnis habe sie begonnen zu arbeiten und mit dem Gewinn Medizin für den armen Elefanten gekauft. Doch diese sei nicht ausreichend gewesen, außerdem habe sie immer mehr Tiere gesehen, die unbedingt Hilfe benötigten.

„Elefanten sind das Symbol Thailands, aber wir behandeln sie wie Sklaven“, sagt Lek. „Meinen allerersten Elefanten rettete ich 1992 – Mae Perm war ihr Name. Man sagte mir, sie sei 90 Jahre alt, aber das kann nicht sein, denn sie lebte noch weitere 17 Jahre bei mir.“ 70% der 84 Elefanten im Nature Park sind alt, über 80% geistig krank, etliche blind oder anderweitig behindert – dank Jahrzehnten Schwerstarbeit in der Holzgewinnung, zu der man Elefanten bis 1989 zwang. Als ein Verbot in Kraft trat, wurden die Elefanten arbeitslos und ab den 90ern stattdessen im Tourismus ausgebeutet: zum Betteln auf der Straße, für Kunststücke, Ausritte oder zum Baden mit Menschen. Damit die Tiere sich alles gefallen ließen, musste man sie brutal domestizieren. Der Prozess, bei dem der wilde Geist des Elefanten gebrochen wird, nennt sich ‚phajaan‘. Einen kleinen Lichtblick gibt es zwar – die thailändische Regierung verabschiedete 2014 ein erstes Gesetz zum Tierschutz, aber Reiten auf Elefanten ist nach wie vor erlaubt und in vielen Camps weiterhin Gang und Gäbe.

Elefanten in Rente – samt Diener

Lek erwarb einige Elefanten von anderen Anbietern – besonders alte und schwache Tiere. „Wir haben nur fünf männliche Elefanten, denn die Camps wollen die Männchen meist behalten, und mittlerweile gibt es auch sechs Babys.“ Ein Elefant koste um die 500.000 Baht – gut 14.000 Euro –, ein Bulle könne sogar eine Million Baht – 28.000 Euro – kosten. Rabatt für behinderte Tiere gibt es keinen. Tiere wie die etwa 50 Jahre alte, blinde Elefantenkuh Jokia, deren Name ‚Auge Des Himmels‘ bedeutet. Sie fristete bis 1999 ein Dasein als Holzschlepperin, wobei sie eine Missgeburt erlitt, aber ohne Pause weiterarbeiten musste. Ein Trauma führte daraufhin dazu, dass sie die Arbeit verweigerte. Als Strafe blendeten ihre Besitzer sie. Nun mampft Jokia lange Grashalme, an ihrer Seite ihre beste Freundin Sri Prae. Ihre Kumpels wählen die Elefanten im Park nämlich selbst. Sri Prae schuftete ebenfalls in der Holzgewinnung. Ihr verkrüppelter Fuß ist auf eine Landmine zurückzuführen, auf die sie an der thailändisch-burmesischen Grenze trat.

Im Elephant Nature Park sind die Elefanten ausnahmsweise mal wieder der Boss – jeder Elefant bekommt einen eigenen Mahut, der das Tier dorthin begleitet, wo es hinmöchte und dafür sorgt, dass Besucher dem Elefanten nur so nahekommen, wie er möchte. Im Verlauf ihres Trainings lernen die jungen Mahuts unter anderem viel über den Elefantenschutz. Der Job dauert von 7.30 Uhr bis 16.30 und beinhaltet vor allem die Zubereitung des Essens, wobei manche Elefanten mit Magenleiden eine spezielle Diät bekommen. Abends ist der Nachtwächter dran – der nicht etwa nur Däumchen dreht, denn Elefanten schlafen nicht mehr als vier Stunden. Der Mahut der größten Elefantenkuh, Mae Sri Nuan, hat sich ein Abbild und den Namen seines Lieblings sogar auf den Arm tätowieren lassen. „Mae Sri Nuan ist auf dem linken Auge blind, wahrscheinlich aufgrund einer Schleuderkugel“, erzählt der 26-jährige Gorlae. Er sei aus Myanmar und arbeite seit acht Jahren im Elefantenpark, wie sein älterer Bruder, von dem er den Job gelernt habe. „Ein Elefant frisst pro Tag etwa 200 bis 300 Kilo, 10% seines Körpergewichts.“

Mae Sri Nuan schlägt mit den Ohren. „Das bedeutet, sie ist glücklich, besonders, wenn sie frisst“, weiß Tommy, einer von ungefähr 50 Englisch sprechenden Guides, die Gäste über das Gelände führen. Und er hat noch ein Elefanten-Geheimnis auf Lager: Die Schönheit eines Elefanten werde stets an seinem Schwanz festgemacht. Und wirklich – kein Elefantenschwanz ist wie der andere, manches Tier wartet sogar mit einem schicken Kringelschwanz auf. Zwei oder drei Mal am Tag wird gebadet, was schon mal länger dauert – vor allem, wenn sich die jüngsten Dickhäuter wieder und wieder in den schlammigen Fluss stürzen.

Hands-off-Projekt

„38 anderen Camps habe ich bereits geholfen, von einem normalen Elefantencamp mit den üblichen Attraktionen zu einem Schutzcamp zu werden“, berichtet Lek. Die meisten hielten ihren Ansatz für geschäftsschädigend, oftmals sei sie beschimpft und sogar bedroht worden. „Ich bin kein Freund der Aussage „Ich liebe Elefanten, aber ich hasse Menschen“, das ist Unsinn. Mir ist es egal, wie sehr ich angefeindet werde, ich bleibe optimistisch, dass noch viele weitere Camps ein Einsehen haben werden, und dann bin ich für sie da.“ Sogar im Elefantencamp, das ihre eigene Familie betreibt, könne man noch auf den Tieren reiten, und sie sei hilflos – die Familie habe sie verbannt, stemple sie als verrückt ab. Was Lek jedoch nicht weiter beschäftigt: „Ich stehe über all dem Hass, ich möchte meine Energie nicht zerstören. All meine Tiere lieben mich, umarmen mich, küssen mich, das ist genug für mich. Ich habe keine Kinder, meine Tiere sind meine Kinder.“

Übertreiben tut sie nicht – was deutlich wird, als sie uns ein Stück Land hinterm Hauptreservat zeigt, wo ab spätestens Oktober 2019 ein neues Projekt startet: das Hands-off-Projekt. Dort soll auf einem weitläufigen Gelände eine Herde von 20 Elefantenkühen leben, vollkommen ohne Kontakt zu den Besuchern. Gäste dürfen diese schwer traumatisierten Tiere nur noch aus der Ferne betrachten, von einem Laufsteg auf Stelzen. Die Tiere haben ihr neues Zuhause bereits bezogen, und kaum vernehmen sie Leks Stimme, traben sie heran – um sie voller Begeisterung zu begrüßen, wie man einen lange verreisten Freund oder Verwandten empfangen würde. Auf einmal steht Lek unter Rüsseln, die sich schützend um sie legen. Als sie verschlammt wieder hervorkommt, ist zumindest geklärt, warum sie auch bei schönstem Wetter eine Regenjacke anhat.

Lek hat sich dagegen entschieden, die jüngeren Tiere auszuwildern: „Der Lebensraum für Elefanten in der Wildnis ist klein geworden, und viele Elefanten werden von Menschen getötet. Es wird immer schwerer für sie, in ihrem natürlichen Lebensraum Wasser zu finden – die Wildnis ist kein glückliches Zuhause für sie mehr.“ Deswegen müssen stattdessen immer neue Projekte für ihre Lieblinge her. Finanzierung von der Regierung gebe es nicht, nur zeitweilen Betreuung durch einen Tierarzt. Sie verkaufe selbst Produkte wie Kaffee und Reis, und 10% würden durch Spenden und freiwillige Helfer generiert. Unterstützung, die ganz wichtig ist, denn insgesamt leben im Park etwa 2.500 Tiere, darunter Büffel, Hunde und Katzen.

“2011 habe ich begonnen, mehr Tiere aufzunehmen, nachdem es schlimme Überflutungen bei Bangkok gab und viele Tiere darunter litten.“ So kamen zu den Elefanten gut 600 heimatlose Hunde und 400 Katzen, außerdem Wasserbüffel, denen der Schlachthof bevorstand. Ganz zu schweigen von rund 100 Affen und Kaninchen aus Kosmetiklaboren und Pferden, die keine Rennen mehr austragen konnten. Mich als Katzenfanatikerin verschlägt es sofort zum ‚Cat kingdom‘, wo Hunderte von Katzen herumwuseln oder Siesta halten, vollkommen ungerührt von den draußen vorbeistampfenden Elefanten. Ja, hier könnte ich auch Katze sein.

Rosige Aussichten?

„Ich sehe der Entwicklung der Tierrechte in Thailand positiv entgegen“, verkündet Lek. „Vor 15 Jahren lachten die meisten noch über mich, sagten, niemand würde mein Camp besuchen, wenn ich keine Attraktionen anbiete. Mittlerweile findet ein Sinneswandel bei vielen Touristen statt – es liegt an ihnen, meinen Ansatz und die Tiere zu respektieren und die Hands-off-Idee zu unterstützen.“ Touristen sollten bedenken, dass Elefantenbabys fast immer ohne Mütter zu sehen wären – die häufig als Gebährmaschinen missbraucht würden. „Babys sollten vier Jahre bei ihren Müttern bleiben, doch oftmals werden sie ihnen bereits kurz nach der Geburt entrissen.“ Besucher müssten endlich begreifen, dass Tiere nicht Teil ihrer Unterhaltung wären. Aber nicht nur bei den Touristen ist Leks Ansicht nach ein Umdenken erforderlich, sondern auch bei den Politikern: „Ich kämpfe für ein Gesetz, dass die Arbeitszeit für alte Elefanten begrenzt wird und sie am Ende in Pension gehe dürfen, dass die Tiere nicht mehr in Ketten leben müssen, dass sie frei schwimmen dürfen. Am Ende nochmal ein Elefantenleben erfahren.“

Gegenüber dem Restaurant stehen einige eingezäunte Bäume mit Blumen ringsherum. „Das sind Gedenkstätten für verstorbene Elefanten. Mir ist es egal, wie alt ein Elefant ist und wie lange er bei uns bleibt – ich möchte, dass er noch einmal die Freiheit schmecken darf, bevor er stirbt. Das Leben ist kurz, und ich habe nur diese eine Chance, etwas für die Tiere zu tun.“ Lek schaut über die Gräber, während sie von den Zeremonien berichtet, die jedem verstorbenen Elefanten zuteilwerden. Nur ihre ganzen Auszeichnungen verschweigt sie: den ‚Hero of the Planet‘ Preis der Ford Stiftung, den sie 2001 bekam oder dass sie vom TIME Magazin 2005 als einer der ‚Heroes of Asia‘ geehrt wurde. Auch, dass sie 2010 von Hillary Clinton als eine der ‚Women Heroes of Global Conservation’ nominiert wurde. Und dass der französische Präsident Macron sie 2017 einlud, am globalen Gipfel zum Umweltschutz der UN in New York teilzunehmen. Lek steht in ihrer schlammigen Regenjacke mit beiden Beinen fest auf dem Gelände, wo missbrauchte Elefanten nicht mehr – wie bei Elefanten üblich – über die Zunge weinen müssen, sondern die größtmögliche Freiheit erleben, die ein jahrzehntelang gefangener Elefant noch aushalten kann. Lächelnd sagt sie: „Ich denke nun mal, dass Tiere die schönsten Menschen sind.“

  • Mehr Infos zum Elephant Nature Park gibt es hier, Eintritt für einen Tag 2.500 Baht, circa 70 Euro, inklusive Guide und vegetarischem Mittagessen vom Buffet.
  • Diese Reise wurde unterstützt von Intrepid Travel :* Intrepid Travel steht für Abenteuer- und Erlebnisreisen mit Begegnungen mit Einheimischen, landestypischen Unterkünften und teilweise öffentlichen Transportmöglichkeiten nach dem Motto ‚real life experience‘. Die Philosophie von Intrepid Travel ist es, Reisen anzubieten, ohne ökologische Fußabdrücke zu hinterlassen und gleichzeitig die Menschen in den Gastgeberländern zu respektieren und ihre Volkswirtschaft zu fördern.
  • Anreise nach Thailand mit Thai Airways ab Frankfurt nach Bangkok und von dort weiter nach Chiang Mai. Thai Airways fliegt 3x täglich von Deutschland nonstop nach Bangkok (2x ab Frankfurt, 1x ab München). Weitere Informationen sowie Preise gibt es hier.

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