Es war einmal in Australien: Warum es unter den Sternen des Outbacks am schönsten war

von Bernadette Olderdissen

Es war einmal in Australien: Warum es unter den Sternen des Outbacks am schönsten war

Sie ist kein Spaziergang, die fast dreitägige Wanderung um die Flinders Ranges im heißen australischen Outback. Sie führt über den Arkaba Walk, einem der Great Walks of Australia. Überraschenderweise gibt es dort viel Luxus – den Luxus, mal wieder unter Sternen schlafen zu dürfen. Ich erzähle euch, warum dies trotz Drei-Minuten-Dusche aus dem Beutel und Fliegenplage mein Australien-Highlight war.

Reiseinspiration

Wo ich lebe, ist es für eine Stadt zwar ruhig, und doch höre ich immer wieder Flugzeuge, Sirenen, Automotoren und Menschen. Und das Handy, dieses ständige Klingeln oder Piepen oder sonstige neumodische Töne, die ankündigen, dass wieder mal jemand was von mir will. Weil ich natürlich wie 90% meiner erwachsenen, westlichen Mitbürger immer erreichbar sein muss. Sei es, um einen neuen Arbeitsauftrag anzunehmen, die heutige Einkaufsliste durchzugeben oder mir die neuen Must-have-Angebote meines Kreditkartenanbieters anzuhören. Im Grunde sind wir immer alle auf Stand-by, kommen nie ganz zur Ruhe, ein Pieps genügt und wir laufen auf Hochtouren, lauschen, antworten, geben Rat, sagen ja und nein. Und dann das. Ein Ort in the middle of nowhere, wo es keinen Empfang mehr gibt. Gar nichts, nicht mal eine Telefonverbindung, die bei fehlendem Wifi dazu verleiten könnte, das mobile Netzwerk der australischen SIM einzuschalten. Zuerst bin ich beunruhigt. Mir fallen viele Mails ein, die ich noch schnell hätte beantworten sollen und Leute, die wissen sollten, dass ich erst mal nicht erreichbar bin. Dann vergesse ich beide. In genau dem Moment, als mich die absolute Stille einlullt wie eine Schlaftablette. Mich zum Runterfahren zwingt.

Die rote Wildnis

Obwohl sich bei den Flinders Ranges in South Australia noch nicht von Australiens rotem Herz sprechen lässt, vermitteln Sie schon von oben den Eindruck tiefster roter Wildnis. Ja, das hier ist meine Bilderbuch-Outback-Fantasie, eine Welt ohne Horizont, ohne Leben, einfach nur durstig. Durch die rote Wüste zieht sich die Flinderskette, ein Gebirgszug von 500 Kilometern im Norden South Australias, dessen Steine teils schon den einmilliardsten Geburtstag feiern. Irgendwo da, wo nichts ist, berührt der Flieger endlich Erde und Staub. „Hawker. Hub of the Flinders“, steht vor einer Hütte mit rotem Dach geschrieben.

Ich bin nicht allein, zwei Briten und ein Amerikaner reisen mit, und uns alle empfängt Darlene, eine Neuseeländerin, die nach einer Kreuzfahrtschiff-Karriere jetzt als Wanderführerin auf dem Arkaba Walk arbeitet. Normalerweise besteht der Walk aus einer dreitägigen Wanderung vom bekannten Wilpena Pound, einem natürlichen Amphitheater aus Bergen, über die Ausläufer der Elder Range, Red Range und Arkaba Creek. An die 243 Quadratkilometer von Arkaba stehen in privatem Besitz und geltem dem Schutz von Natur und Tieren. Australische Urlaubsbroschüren verkaufen Arkaba als Wanderung durch die Geschichte, mit abwechslungsreichen Landschaften und vielen Tieren. Noch glaube ich beides nicht, sehe nur rot, und die einzigen Tiere sind Armeen von Fliegen mit großem Bedürfnis nach Körperkontakt und einer Vorliebe für alles, was sich öffnet. Ein guter Grund, auch das Sprechen einzustellen. Auf der kurzen Fahrt zum Ausgangspunkt der Wanderung wechselt die Landschaft von roter Weite zu Steinwüste, in die sich immer mehr Bäume verirren. Und Kängurus, so rot wie die Erde. Bevor es mit dem Laufen losgeht, bleibe ich etwas entfernt von den anderen stehen. Lausche. Höre nichts. Oder höchstens die Fliegen. Die Handys des Outbacks, doch wenigstens erwarten sie keine Antwort.

Fünf-Milliarden-Sterne-Hotel

Am späten Nachmittag sind wir nach 18 Kilometern Hügeln und Tälern und viele Kängurus und Schweißperlen später im Elder Camp. Häufig habe ich ein Bild von einer langhaarigen Frau gesehen, auf einer Terrasse neben einem Swag – eine Art gut gepolsterter Schlafsack. Sie sieht in die Ferne, auf eine von der Sonne angestrahlte Gebirgskette. Jetzt sitze ich an ihrer Stelle. Nach einer Drei-Minuten-Dusche aus einer Plastiktüte, Blick ins Grüne inklusive. Die Hütten sind kaum mehr als Plattformen mit einer Markise am Ende, falls es mal regnet. Nur einen Unterschied gibt es zwischen der Broschürenfrau und mir – könnte ich mein Glück in ein Emoticon verpacken und telefonlos in die Welt schicken, wäre es ein riesiger breit grinsender Smiley mit Status-Update ‚glücklich‘ und ‚dankbar‘. Warum? Die Landschaft ist nicht die Spektakulärste, die ich bei meinen Reisen rund um die Welt jemals gesehen habe. Die Wanderung bei Hitze war auch nicht meine körperliche Höchstleistung. Doch das Gefühl, endlos weit von allem und jedem entfernt zu sein, macht’s. Das Standby ist aus, ich ruhe. In mir. Lausche nur meinem Atem, weil es hier nichts anderes gibt. Denke nicht an gleich, morgen, Freitag oder das nächste Wochenende. Weiß nicht mal mehr, wie viel Uhr es ist oder welcher Tag. Es ist egal.

Am entzündeten Lagerfeuer tischt Darlene frischen Käse, Bier und Wein auf. Die Fliegen verschwinden mit der untergehenden Sonne am Horizont, jetzt durchbricht nur noch das Knistern des Feuers die Stille. Bald auch das nicht mehr. Mit der Stille ist es ein bisschen wie mit dem Alleinsein – man muss sich daran gewöhnen, es mögen lernen, damit klarkommen, wie man mit sich allein klarkommen muss. Doch irgendwann ist es soweit, sie wird zum besten Freund. Beruhigt. Ist in sich genug.

Nach einem üppigen Buschdinner aus Huhn, Mais, überbackenen Broccoli, Salat und Schokotorte folgt mein persönliches Outback-Highlight. Ich krieche in den molligen Schlafsack, lege mich auf den Rücken. Die Sternenhimmel-Glotze über mir spielt ihr bestes Abendprogramm. Fährt mit den abziehenden Wölkchen die Milchstraße auf. Dann Milliarden weiterer Sterne. Während ich bei Filmen manchmal einschlafe, zwinge ich mich hier, die Augen offenzuhalten. Ich möchte keinen Augenblick verpassen. Kein Blinken, keine Sternschnuppe. Dabei wüsste ich gerade gar nicht, was ich mir noch wünschen soll. Augenbinde und Ohropax, ohne die ich sonst nicht schlafen kann, bleiben im Rucksack. Bald frage ich mich, wieso ich mich nicht auch daheim in lauen Sommernächten auf den Balkon lege, um unter den Sternen zu schlafen. Oder, wenn die Lichtverschmutzung in der City zu hoch ist, ab und zu mal auf eine Wiese auf dem Land. Wieso muss ich bis ans andere Ende der Welt reisen und in Richtung Herz Australiens, um endlich mal wieder ohne ein Dach über dem Kopf zu sein? Ein bisschen dumm bin ich schon. Aber immerhin dumm und ein etwas weiser, weil ich es kapiert habe – auch wenn ich dafür 30 Stunden fliegen musste: Ich werde nie wieder in einer Welt ohne das High-Life der Städte und ohne ihren Pomp und die ewig meckernden Handys und Computer leben. Aber gerade deswegen muss ich immer öfter hierherkommen. In mein eigenes kleines Outback, um mit mir selbst und der Stille wunschloses Glück zu erleben.

Die Reise wurde unterstützt von Tourism Australia

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