Einsames Teneriffa - Wie ich auf der überlaufenen Kanareninsel zu mir fand

von Bernadette Olderdissen

Einsames Teneriffa - Wie ich auf der überlaufenen Kanareninsel zu mir fand

Sie gilt als Winterquartier deutscher und britischer Rentner und Abfahrtsort vieler Kreuzfahrtschiffe – Teneriffa, die Kanareninsel in Form einer Ente. Ich fahre trotzdem mal hin und schaue sie mir an. Und bin überrascht. Denn trotz der Touristenmassen finde ich ruhige Orte und einmalige Naturschauspiele, die ich fast ganz allein genießen darf.

Reisebericht

Da will ich auch hin!

Die Enten-Insel

Ein Blick auf die Landkarte zeigt es sofort: Teneriffa hat die Form einer Ente. Oben am Kopf und Schnabel erstreckt sich das Anaga-Gebirge mit wunderschönem Lorbeerwald, am Bürzel die wilde Masca-Schlucht mit Serpentinen, die Autofahrer in den Wahnsinn treiben und dem gefühlten Ende der Welt in Los Silos, einem von den Wellen des Atlantiks umspülten Dorf. Wer auf Teneriffa Ruhe sucht, sollte nicht unter den Bürzel fahren, denn an der Südwestküste sammeln sich die All-inclusive-Touristen in den Bettenburgen, ebenso am Fuß der Ente. Im Herzen der Insel thront Spaniens höchster Berg, El Teide, der drittgrößte Inselvulkan der Erde mit stolzen 3718 Metern und UNESCO-Weltnaturerbe. Er lockt vor allem Tagestouristen und Wanderer an, doch es ist leicht, sich hier noch richtig in der Natur zu verlieren. Ebenso wie im Nordosten, wo für mich das Abschalten beginnt.

Allein mit dem Meer

Ich schnappe mir einen Mietwagen und starte meine Reise dort, wo wenige hinwollen – am Hinterkopf der Ente, bei Tejina am Meer. Wer die Autobahn entlang der Ostküste kurz vor Santa Cruz verlässt, hat die Hauptstadt und danach den Flughafen Nord im Rückspiegel. Genau dort liegt einem bald das wilde, unverdorbene Teneriffa zu Füßen. Der erste Atlantikblick eröffnet sich hinter einer ausgedörrten Hügellandschaft, durchsetzt von winzigen Gemeinden.

Es geht eine enge, kurvenreiche Straße tief hinunter. Dann, nach Tejina, erblicke ich sie: Eine Oase der Ruhe in Form eines Landhauses, mit kleinem Infinity Pool über dem rauschenden Ozean. Das Hotel Rural Costa Salada. So etwas gönne ich mir nicht oft, doch ein paar Mal im Jahr muss es sein. Mein Luxus besteht aus einer eigenen Terrasse über dem offenen Meer, das mir entgegenrollt, während mich das Jacuzzi massiert. Es tut gut, einmal nichts zu tun und mit niemandem zu reden. Ich genieße die leichte Brise und das Licht, das von Grellgelb zu Orange wechselt, als die Sonne im Meer versinkt.

Selbst nach unzähligen Reisen um die Welt, mit Sonnenuntergängen zwischen Pazifik, Karibik, Atlantik und Mittelmeer, erscheint mir kein Sonnenuntergang wie der andere. Für mich ist kein Sonnenuntergang überbewertet und kein Moment des Starrens in Richtung Horizont verschwendete Zeit. Ich könnte mir kein sanfteres, schöneres Ankommen auf Teneriffa vorstellen.

Von der Sardinenbüchse raus in die Steinwüste

Natürlich ist der Teide einer der Hauptanziehungspunkte auf Teneriffa, alle wollen mal auf dem oder zumindest am höchsten Berg Spaniens gewesen sein. Trotzdem mache ich mich genau dorthin auf, überzeugt, dass ich mein eigenes Fleckchen Teide entdecken werde. Die pittoreske Straße TF24 zum Inselinneren und in Richtung Teide Nationalpark ist fast autoleer.

Bald lasse ich die Kiefernwälder und viel Grün unter mir zurück, fahre mitten in eine Steinwüste hinein, die Spitze des Teide wie eine Prophezeiung am Horizont. Als die Landschaft immer mondähnlicher wird, steige ich aus, laufe hinein in die rötliche Felslandschaft, wo sich Menschen so schnell verlieren wie Ameisen auf einem Fußballfeld. Steine und Felsbrocken liegen wie ausgespuckt und liegengelassen überall verteilt.

Wer ganz aktiv ist, kann direkt auf den Gipfel des Teide wandern. Wer es dagegen ruhig angehen lassen möchte, nimmt die Seilbahn – eine letzte Chance, sich noch mal wie die Sardine in der Büchse zu fühlen, um in wenigen Minuten auf gut 3500 Meter gezogen zu werden. Die letzten 200 Gipfelmeter muss man sich allerdings erwandern, und das nur, wenn man rechtzeitig online eine Genehmigung besorgt hat. Ich war zu spät dran, merke jedoch bald, dass es auch so schön genug auf dem Teide ist.

Über den Wolken

Schon nach wenigen Metern wird das Atmen schwerer, der Kopf fühlt sich sonderbar leicht an, als wären unnütze Gedanken auf dem Weg nach oben rausgefallen. Ich fühle mich an die Höhenkrankheit in den Anden in Peru erinnert, nur, dass diese Leere auch irgendwie angenehm ist. Das Panorama könnte direkt auf eine Postkarte geklebt werden, nur im Nordosten zieht eine Wolkenschicht übers Land. Sie kommt mir vor, als würde ich sie aus Flughöhe betrachten. Manchmal quillt nach faulen Eiern stinkender Rauch aus dem zum Teil grünlichen Gestein, dann wieder rollt die Steinlandschaft rötlich-braun auf den Horizont zu. Den meisten Sardinen aus der Seilbahn wird es schnell zu kalt und zu windig, die Massen verlaufen sich. Ich stehe allein auf dem Weg, meine einzigen Gefährten sind die Kanareninseln La Gomera auf der West- und Gran Canaria auf der Südostseite, die wie Fata Morganas aus dem Meer staksen.

Ich habe die Stille und den Wind noch im Ohr, als ich bereits wieder im Wagen sitze und Richtung der Täler zurückfahre. Die Straße schlängelt sich durch die Felslandschaft, rechts trennt mich nur eine Leitplanke vom Abgrund. Über diesem hat sich eine Schicht Wattewolken geformt, die von der untergehenden Sonne allmählich rosarot gefärbt wird. Ich steige aus und speichere das Bild in meinem Kopf ab, während im Autoradio ‚One moment in time‘ spielt.

Als ich in Vilaflor ankomme, dem höchstgelegenen Dorf Teneriffas, erinnern nur noch Pastelltöne am Himmel an die soeben untergegangene Sonne. Der Ortskern mit seinen Landhäusern und mit Schnitzereien verzierten Holzbalkonen ist fast menschenleer, nur auf einem Dach steht ein Hund und schaut wie ich in Richtung Horizont.

The Beach

Um die einsamsten, entlegensten Strände auf Teneriffa zu erreichen, heißt es häufig viel fahren – darunter Serpentinen und enge Gebirgsstraßen, um an Strände wie die im Nordosten gelegene Playa de Benijo zu kommen. Ich bin kein Fan langer Fahrten und noch weniger von Serpentinenstraßen und probiere es anders. Einer der beliebtesten Badeorte an der Südküste ist El Médano, nicht zuletzt wegen hervorragender Windsurfkonditionen. Genau dorthin fahre ich. Oder zumindest in die Richtung, denn der recht volle Strand reizt mich nicht. Hühneraugen im Gesicht und die Sonnencreme des Strandnachbarn in der Nase waren noch nie mein Ding, also geht es weiter. Bis La Tejita am äußersten Ende von El Médano, wo ein roter Hügel aus dem Sand sticht, die Montaña Roja.

Hier gibt es kaum noch Leute, nur ein paar Nackte, denn je nach Lust und Laune darf man sich in La Tejita mit oder ohne Badesachen sonnen oder schwimmen. Windgeschützt hinter einem Steinmäuerchen bin ich plötzlich allein mit der Sonne und dem glitzernden, ruhigen Atlantik vor mir, schaue nur auf, wenn ein Flieger vom Flughafen Süd hinter mir startet. Ich bin nur wenige Kilometer vom boomenden El Médano entfernt und ganz nah am Flughafen, und trotzdem höre ich lediglich die Wellen. Irgendwann tue ich es den wenigen Nackten in der Ferne gleich, bade im Adamskostüm im milden Atlantik, mitten im Dezember. Während ich weit draußen auf dem in der Sonne funkelnden Wasser treibe, summe ich ‚One moment in time‘. Teneriffa scheint mir wunderbar. Vielleicht, weil ich immer zur rechten Zeit am rechten Ort bin. Oder weil ich weiß, welche Orte mir guttun, unabhängig davon, wo ich auch bin.

Die Reise wurde unterstützt von Wikinger Reisen.

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