Die weltweit größte Halloweenfeier? Ende Oktober in Derry, Nordirland

Die weltweit größte Halloweenfeier? Ende Oktober in Derry, Nordirland

Die nordirische Stadt Derry, auch als Londonderry bekannt, rühmt sich damit, das größte Halloween-Fest der Welt zu veranstalten. Ob das stimmt, wird wohl noch lange nicht bewiesen sein, aber Skeptiker lassen sich eher überzeugen, wenn die Stadtmauer jedes Jahr Ende Oktober zum Leben erwacht. Wenn Tausende von kleinen und großen Hexen, Vampiren und anderen Verkleideten zusammenströmen und Derry für eine lange Nacht zum ultimativen „Place to be“ machen.

Reisebericht

Bei Halloween denkt man automatisch an die USA. Erst recht, wenn es um die größte Halloweenparty der Welt geht. Dabei steigt die laut Stadtführer Garvin im kleinen Derry in Nordirland. Bereits ab dem 29. Oktober laufen die Vorbereitungen in der ganzen Stadt auf Hochtouren, da wird aufgebaut und dekoriert, und die Schminke in den Kosmetikläden geht langsam zur Neige. „Vergesst nicht, dass Halloween in Irland entstanden ist“, erinnert der pausbäckige Garvin mit seinem vom vielen Guinness geröteten Gesicht. Sinn macht es auf jeden Fall – da, wo Feen, Leprechauns (Kobolde), gute und böse Geister leben, müssen sich auch Hexen, Vampire und Piraten wohlfühlen.

Der große Tag

Das Programm für den 30. Oktober füllt locker zwei DINA4-Seiten. Es beginnt mit Maskenmalen für Kinder, mit gruseligen Ausstellungen und findet seinen Höhepunkt am Abend: beim Erwecken der Stadtmauer, „Awakening the walls“. Darauf ist Garvin besonders stolz: „Die alte Stadtmauer ist unsere Geschichte, sie hat alles gesehen, und sie soll auch heute mitmachen und Spaß haben.“ Denn nicht immer präsentierte sich Derry so fröhlich und bunt wie jetzt. Die Halloweenfeiern in der Stadt hätten so richtig ab 1986 begonnen, auf dem Höhepunkt der sogenannten „Troubles“, des Nordirland-Konflikts. Die Veranstaltungen sollten die Leute wieder auf die Straßen locken, die sie jahrelang wegen Unruhen und Blutbädern gemieden hatten. Jedoch wurde der Spaß auch oft unterbrochen, dann, wenn die Probleme erneut hochkochten und Knaller sowie Raketen mit Feuer von Scharfschützen verwechselt werden konnten.

Dies erklärt, wieso nun fast jeder in Derry mit Begeisterung bei der Sache ist und selbst die Erwachsenen wochenlang mit viel Detailliebe ihre Kostüme nähen. Als es 18 Uhr schlägt, gibt es kein Halten mehr: Auf der Stadtmauer, die noch am Morgen verlassen in der trüben Sonne dalag, findet kaum noch ein Fuß Platz. Sollte Garvin doch recht haben, dass etwa 40.000 Menschen aus Derry, ganz Irland und sogar der Welt mitfeiern und sich nun über die eine Meile lange Stadtmauer schieben? Die Seiten zieren Fackeln, Schausteller klettern die Mauer rauf und runter, inszenieren Sketche, musizieren. Eine Trapezkünstlerin schwingt netzlos über dem Treiben, ein weiterer Artist bewegt sich geschmeidig durch die Latten eines Käfigs – nur Bier, das trinkt keiner. Verkauf und Verzehr auf der Straße sind verboten, die Angst vor alkoholbedingten Unruhen ist groß.

In den Straßen unterhalb der Mauer wummert die Musik, Menschen stehen zusammengedrängt, lauschen, während oben die Nachtprozession im Schritttempo weiterzieht. Ich lausche dem Jubel der Kinder, dem Gelächter und den Ausrufen der Künstler, die in dem Gewusel Aufmerksamkeit erhaschen wollen. Die Einheimischen, die von Paradiesvögeln über Quallen bis zu blutüberströmten Chirurgen ziemlich alles darstellen, strahlen, als würden sie für Hochzeitsfotos posieren. Ihr eigenes Leben legen sie für ein paar Abende zur Seite, und damit auch jahrzehntelange Kämpfe und Probleme, die teils noch immer nicht ganz gelöst sind.

Der Knaller

Die Stadtmauer bildet nur den Einstieg zum Halloween-Abend. Spätestens danach haben auch Halloween-Banausen – falls es an diesem Tag in Derry solche geben sollte – Blut geleckt. Blutige Zombies schleichen durch die Straßen, Geister, Skelette, Krankenschwestern in äußerst knappen Outfits, Mönche und Nonnen. „Ich habe monatelang an meinem Kostüm gearbeitet“, erzählt Shannon, die ganz in Blau mit langen Feder-Wimpern als Twitter-Bird auftritt. Selbst der Nieselregen kann der ausgelassenen Stimmung nichts anhaben.

Um 19 Uhr trommelt es aus den Ecken. Es ist der Auftakt der „Out of this world Street Carnival Parade“. Junge Männer in glitzernden Anzügen und mit Lichterketten geschmückten Trommeln ziehen durch die Straßen, locken ein immer größeres Publikum an. Endlich ist er da, der Moment, dem die Stadt seit Wochen entgegenfiebert: Über dem Fluss Foyle explodieren die Farben in einem pompösen Feuerwerk zu den Klängen aus den am Flussufer verteilten Lautsprechern. An die 40.000 Augenpaare blicken gen Himmel, drängen sich dicht aneinander, einige tanzen. Natürlich ist die Schau noch lange nicht vorbei, als die letzten Funken versprühen. Die Nacht der Nächte in Nordirland ist lang – und glücklich, wer eine Karte zu einem der beliebten Halloween-Bälle ergattert hat. Ich bin dabei: beim Ball ab 21 Uhr im City Hotel Derry.

Rock the boat

Die Big Band steht auf der Bühne bereit: muskulöse Kerle, die sich in Frauenklamotten geworfen haben und sich gegenseitig an Brustumfang überbieten. Es dauert nicht lange, bis sich die Tanzfläche zu Hits der 80er, 90er und auch zu modernen Hits füllt. In meinem Piratenkostüm durchgeschwitzt stehe ich bald an der Getränkebar, wo ich von Superman aus dem Weg geelbogt werde. Ein Retter springt mir zur Seite, ein Bischof, der mich nach vorne schiebt, bis ich irgendein irisches Bier in der Hand habe.

Zurück auf der Tanzfläche stimmt die Band gerade einen Song an, den die Einheimischen klatschend begrüßen: „Rock the Boat“. Plötzlich sitzen alle hintereinander auf dem Boden, greifen sich an den Hüften und schaukeln vor und zurück – wie bei einem von den Wellen geschüttelten Boot eben. Eigentlich reicht mir die Zuschauerrolle, doch der Bischof zieht mich kurzerhand zu einer der rockenden Reihen. Ich mache mit, vor und zurück, von rechts nach links, während Vampire, Nonnen, Römer, blutverschmierte Chirurgen und andere Figuren den Hit mitjohlen. Auch ich kann die Zeilen bald auswendig. Bin für wenige Stunden Teil dieses für die Nordiren so bedeutenden Stücks Kultur. Das auch ein bisschen für den Frieden und die Freiheit des Landes steht.

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