Die kleinen Schildkröten und der Pazifik - Oder: Die Welle der Freiheit

von Bernadette Olderdissen

Die kleinen Schildkröten und der Pazifik - Oder: Die Welle der Freiheit

Oft passiert es auf Reisen vollkommen überraschend: Ein unvorhergesehener Moment wird zum schönsten der ganzen Reise. So wie bei mir ein Abend, als ich im Rahmen eines Ökoprojekts am Pazifik in Nicaragua helfe, einen Tag alte Schildkröten ins Meer zu entlassen. Was ich aus ihrer Entschlossenheit lerne, davon handelt diese Geschichte.

Reiseinspiration

Es ist einer dieser Tage, da fühle ich mich so gesättigt von den Erfahrungen, Erlebnissen und Bildern der vergangenen Reisewochen, dass ich mal kurz den Aus-Knopf drücken muss. Das klappt nirgends besser als am Strand mit Sonne und rollenden Wellen als Kulisse. Gesagt, getan: Ab León geht es in einem Chicken-Bus, einem alten US-amerikanischen Schulbus, in Richtung Las Peñitas am Pazifik, keine Fahrtstunde entfernt.

Es ist ein Fischerdorf und Surfparadies mit langem, dunklem Sandstrand. Außer einem Vater, der mit seinen Kindern am Meer spielt, und wenigen in der Sonne schmorenden Touristen bin ich allein. Und tue das, was oft am schwersten ist – nichts. Bis mich der Durst in eine der wenigen geöffneten Strandbars treibt und ich von einer Bediensteten vom Juan Venado Island Naturreservat gleich nebenan erfahre. Sie erzählt vom Schildkrötenschutzprogramm im Reservat, wo jeden Abend zu Sonnenuntergang Babyschildkröten ins Meer freigelassen werden. Ob ich dabei sein wolle. Babyschildkröten? Warum nicht? Ich erwarte nichts Atemberaubendes, doch wenn ich schon mal da bin, nehme ich das noch mit.

Das Schildkröten-Projekt

Nur mit einem Tourguide, Lorenzo, darf ich ins Reservat. Ein Fischer bringt uns mit seinem Boot von der Lagune zwischen Las Peñitas und dem Reservat über den angrenzenden Fluss etwa 12 Kilometer weit ins Reservat. Die Abendsonne taucht das von Pflanzen bestandene Ufer in warmes Grün, von einem Baum beobachtet uns ein Adler und der fast volle Mond ist gerade aufgestanden. Auf der glatten Wasseroberfläche spiegeln sich die Bäume, die Stille ist absolut. Es gibt keinen anderen Ort, wo ich in diesem Moment sein möchte. Trotz Lorenzo, der mich zum wiederholten Male fragt, ob ich wirklich keinen Ehemann aus Nicaragua wolle.

Der Fischer steuert aufs Ufer zu, von wo wir kurz durch einen Wald bis zum Meer laufen. „Das hier ist das Palo de Oro Ecoturismo-Projekt“, erklärt Lorenzo und stellt mich einem Projektbetreuer vor, der sich um ein paar an Touristen zu vermietende Strandhütten sowie um die Schildkröten kümmert. „Wir suchen den Strand zur Brutzeit nach Schildkröteneiern ab, sammeln sie und legen sie 50 Tage lang in Sandbehälter, wo sie sich ungestört entwickeln können“, erzählt mir der Mann mit leuchtenden Augen. Am Strand würden die Eier Gefahr laufen, sofort von Vögeln und anderen Tieren gefressen zu werden. „Wenn die kleinen Schildkröten schlüpfen, legen wir sie eine Nacht lang in Eimer voller Wasser, und am nächsten Tag entlassen wir sie bei Sonnenuntergang ins Meer.“ Dies sei der beste Moment, da das Risiko für die Tierchen dann am geringsten sei.

Am Strand reihen sich Säcke voller Sand aneinander, in denen die Schildkröteneier heranreifen, sorgfältig beschriftet mit Anzahl der Eier und dem ungefähren Datum, an dem die Tiere schlüpfen. Dazwischen laufen ein kleiner und ein großer Hund umher. Der Mitarbeiter gibt mir einen Eimer, in dem etwa 20 winzige Schildkröten umherwuseln. „Denen hier kannst du die Freiheit schenken.“

Der Moment der Freiheit

Ich habe nicht erwartet, wie sehr mich diese Babyschildkröten im Eimer berühren. Gut, ich mag Schildkröten, aber bisher habe ich mich ihnen nie sonderlich verbunden gefühlt. Der Drang der kleinen Tiere, aus dem Eimer rauszukommen und etwas Neues zu beginnen, überträgt sich auf mich. Ich trage sie an den Strand. Gemeinsam mit Lorenzo nehme ich die Babyschildkröten aus dem Eimer und wir verteilen sie auf dem Sand, wo die Wellen ans Ufer rollen.

Zuerst sind die Babys wie gelähmt. Doch auf einmal, als hätten sie etwas begriffen, schlagen sie mit ihren Beinchen und taumeln vorwärts, auf die Wellen zu. „Von 5000 Kleinen überleben etwa 1000“, höre ich die Stimme des Projektmitarbeiters. Das Verlangen überkommt mich, die Tiere zurück in den Eimer zu stecken und vor ihrem Schicksal zu bewahren, das die meisten von ihnen im Wasser ereilen wird. Aber ich bewege mich nicht. Die Schildkröten gewinnen an Sicherheit, strampeln auf die Wellen zu. Schon werden die ersten vom Wasser mitgenommen. Selbst das letzte, zögerlichste Tier, weiß es anscheinend genau: Dort, im Meer, fängt das Leben an. Selbst wenn es schon in einer Minute enden sollte – dies ist die einzige Chance, groß zu werden und vier oder fünf Jahre später als Erwachsene an den Strand zurückzukommen, um eigene Eier zu legen. Als die Sonne pink hinterm Pazifik versinkt, ist auch die letzte Schildkröte weg. Hat ihren ersten Weg vollendet. Einen Weg, den sie instinktiv gefunden hat. Weil er eben der einzig mögliche ist, unabhängig von allen lauernden Gefahren.

Während der Himmel von Pink-orange zu Pechschwarz wechselt, bleibe ich allein auf einer Bank sitzen und sehe aufs Meer. Dorthin, wo eben noch die Schildkröten liefen. In Richtung Freiheit. Die beiden Hunde hocken neben mir, Tränen kullern meine Wangen hinab. Weil ich mich selten einem Tier näher gefühlt habe als diesen kleinen Schildkröten. Weil ich voller Bewunderung dafür bin, wie zielstrebig sie sich in ihr Schicksal gestürzt haben. Und weil ich spüre, dass ich verstanden habe, was Freiheit auch für mich bedeutet: mir genau bewusst zu sein, welcher mein Weg ist und ihn furchtlos zu gehen. Egal, was auch passieren mag.

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