Balkan-Birthday-Beats

Balkan-Birthday-Beats

Mein Geburtstag stand an und zusammen mit meinem Freund fand ich mich irgendwann vor dem Computer am Auskundschaften erschwinglicher Flugverbindungen wieder. Für eine lange Reise war dieses Mal keine Zeit und so entschieden wir uns entgegen des slow-travels für Ryanair. Bald stand unser Ziel fest: Den Osten Europas wollen wir zusammen erkunden.

Reisebericht

Weniger als zwei Wochen später, mal wieder viel zu spät, hetzten wir über den Schönefelder Flughafen zum Gate und fanden uns irgendwann kurze Zeit später schweißtriefend auf einer Sitzbank im großen imitierten Vogel wieder. Er würde uns in knapp zwei Stunden zuzüglich +1h Zeitverschiebung nach Timișoara/ Rumänien katapultieren. Es war das erste Mal, dass ich mit einem Freund die Flugbank teilte und schaute voller guter Erwartung aber auch ein bisschen aufgeregt auf unsere erste gemeinsame Reise ins Ausland. Schon die Ankunft war famos lustig. Eine Gruppe männlicher Polen machte anlässlich eines Junggesellenabschieds eine Speed-Rundreise durch Europa. Ein Tag Berlin, ein Tag Timișoara, ein Tag Belgrad und dann wieder zurück in die Heimat. Auf die Frage, wo die zukünftige Frau des Verlobten war, bekam ich als Antwort: „Welche Frau? Ich habe keine Frau!“ Unter Augenzwinkern schenkten sie uns Wodka-Cola ein, stellten die selbst mitgebrachten Boxen auf maximales Volumen und fingen an zu tanzen und Sperenzchen zu treiben. Irgendwann, viel später als es eine deutsche gemacht hätte, kam dann die lokale Flughafenpolizei und wir verdrückten uns Richtung Innenstadt.

Wir hatten uns nicht wirklich um einen Schlafplatz gekümmert und so liefen wir zwei Stunden später durch die nächtliche Altstadt und suchten das Hostel, welches uns empfohlen wurde. Es regnete aus Strömen, der Rucksack war schwer aber irgendwann fanden wir dann endlich den Eingang, an welchem wir schon 5 Mal vorbeigelaufen waren. Es gab kein Schild, kein Hinweis, nur ein Tastenfeld, den Klingelcode gibts auf der Homepage. Dort wurden wir dann direkt wieder herausgeschickt, nochmal durch den Regen um dann in einer anderen Lokalisation untergebracht zu werden. Die nächsten zwei Tage waren dann zwar sehr regenreich, jedoch auch spannend da wir die Möglichkeit hatten, ein bisschen die Stimmung des Landes aufzuschnappen. Wir setzten uns oft einfach in die spottbillige Tram und ließen uns an Orte tragen, an welchen wir es als schön empfanden. Auch durchforsteten wir diverse Kunstgalerien, Museen, rumänische Ikonen sowie Überraschungsentdeckungen wie dieser skurrile Keller, welcher sich dem Thema ‘Tod’ widmete. Auf sehr trashige Art und Weise wurde dieses Grundsatz-Thema behandelt und ich musste laut lachen, als ich sah, dass der Tote im Sarg seinen erregten Penis durch den Reißverschluss seiner Jeans-Shorts in die Höhe streckte.

Jedoch kribbelte es uns bald in den Fingern. Ich hatte, nachdem wir vor drei Jahren auf dem Weg zu einer politischen Kunstaktion nach Bulgarien, Serbien durchkreuzten, das unermessliche Bedürfnis, nach Belgrad zurückzukehren. Wir waren damals so fasziniert von der Architektur, obwohl wir nicht einmal das Auto verlassen hatten. Und so entschieden wir uns, gen Wochenende in die Hauptstadt des Nachbarlandes zu fahren. Auf den Tipp eines Bekannten hin, buchten wir einen Mini-Bus, da der komplette Zug und Reisebus Verkehr zwischen den beiden Ländern seit August eingestellt worden war. Amüsant: nachdem der Fahrer des Busses eine kleine Ewigkeit gebraucht hatte um uns zu finden, hatte er dann seinen Wagen verloren und wir machten eine kleine Zickzack und wieder Zackzick Tour bis wir endlich im Auto saßen. Die Fahrt selbst ist nur zu empfehlen. Wenn man ein Land bereist, ist der Eindruck ja oft limitiert, wenn man nur Städte sichtet. Und so gab uns das Ganze ein gutes Gefühl vom Land und seinen Dörfern. Das Übertreten der Grenze wurde dann erstmal mit einer langen Zigaretten- und Kaffee-Pause zelebriert. Alle Insassen waren Serben. Nachdem ich hinter der Frau, die mit uns reiste, allein im Umkreis von drei Metern mindestens fünf Rauchen-Verboten Schilder gesehen hatte, wollte ich wissen, ob es denn wirklich erlaubt wäre, hier in dem Tankstellen-Restaurant seinen Rauch abzulassen. Als Antwort konterte mir die temperamentvolle Serbin leicht schnippisch: “Süße, wir sind hier nicht in Europa, wir sind in Serbien". Obwohl ich Serbien in vielen Aspekten als sehr fortschrittlich empfand, sollte sie in termus Temperament recht behalten. Durch einen Tipp zwei anderer Touristen, wurden wir dann direkt im Hostel der Hedonisten abgesetzt. Ein wunderbarer Ort, super schön gestaltet, an welchem man sich auch mal gut eine Woche lang aufhalten könnte. Die drei Tage, die wir dann in dem Wahnsinns-Land verbrachten, waren wirklich gesegnet von Sommerwetter, an welches wir in Deutschland zu der Zeit nur träumen konnten. Sehr zu empfehlen ist es, sich einen Roller zu mieten, um so die Stadt und ihre Randbezirke zu erkunden. Wir cruisten über Stock und Stein, sahen uns die sagenumschreibende, faszinierende Architektur im brutalistischen Stil an, spazierten die Promenade von Neubelgrad entlang, lernen den berühmten Pudel ‚Zaza‘ kennen, welcher schon auf der Fashion-Week unterwegs war, und genossen es ein bisschen Tourist zu sein. Als wir uns dann verfahren hatten und auf einmal mit dem Roller auf der Autobahn landeten, wurden wir damit belohnt, eine Ausfahrt hineinzufahren, welche direkt bei einer Pferderennbahn mündete. Wir schauten den Kids beim Voltigieren zu und kurze Zeit später kam dann ein Pferd samt Reiter langsam die Autobahnabfahrt heruntertrabte. Anscheinend waren wir nicht die einzigen, die hier fälschlicherweise die Schnellstraßen nahmen. Wir machten dann in der blauen Stunde noch ein paar Nacktfotos, wurden diverse Male dabei erwischt, flüchteten in eine Einbahnstraße, nämlich der Hochsicherheitstrakt der Nationalbank, und kamen dann irgendwann wieder ‘zu Hause’ an.

Wir wechselten in ein anderes Hostel, welches von der Lage her noch schöner war. Wir fanden uns and einer mit Kopfsteinpflaster gefüllte Straße wieder, Überbleibsel der Römer, welche eine wunderschönes mediterranes Gefühl in mir auslöste. Musikanten so leidenschaftlich wie in Spanien, Blumen die auf griechische Art die Häuser schmückten, Restaurants so simpel und exzellent wie in Frankreich und dazu noch die hübschesten Frauen Europas, die sich zwar sehr stark zurechtmachen, aber dabei so viel Würde und Brillianz mit sich rumtragen das einem nichts anderes übrig bleibt, als hinterher zu schauen. Allgemein findet man hier sehr markante Gesichter, welche gerade dazu einladen, die Lebensgeschichten erfahren zu wollen. Für mich als Fotografin extrem interessant! Leider waren alle sehr Kamerascheu. Einer der wenigen, der sich ablichten ließ, erklärte mir warum: Ein Foto ist für viele Serben etwas sehr Privates, was viel vom inneren Wesen erzählt. Nur wenn man sich schon etwas intimer gegenübersteht, lässt der andere das zu. Für mich war das zwar schade, da die Nation der Adidas, Hummel und Nike Jogginghosen-Träger im Zweiteiler mich zutiefst faszinierten. Aber ich hatte auch so meinen Spaß. Beobachten ohne zu dokumentieren war für mich auch eine schöne Erfahrung. Die Coolness, die bei den Menschen hier im Subtext mitschwingt, ist unfassbar – auch und gerade bei 70+ Genossen.

Des Weiteren verirrten wir uns in eine humorvolle und laute Karaoke-Bar, stolperten beim Vorbeilaufen in eine ‚Underground‘ Techno Party, und genossen das planlose herum Streunern immens. Oft stellte ich mir die Frage: „Worauf hast du jetzt gerade am meisten Lust?“ Darauf erfüllten wir uns diese Wünsche dann von Stunde zu Stunde. Zurück nach Rumänien kamen wir dann durch eine lustige Tramp-Aktion.Die verbliebenen anderthalb Tage bis zum Rückflug nutzen wir für einen Besuch auf einem kostenlosen Zeltplatz in dem Naturschutz-Gebiet der Wälder Rumäniens auf, machten eine kleine Wanderung durch Sălașu de Sus, die man wahrscheinlich eher als längeren Spaziergang betiteln sollte, kochten in dem sehr alten Ofen wofür mein Freund erstmal Holz hacken musste und begaben uns dann am nächsten Tag wieder in den Bus, welcher uns nach Timișoara zurück brachte und wieder eine schöne Fahrt mit Blick auf das vorbei rauschende Land gewährte. Zurück im liebevoll genannten ‚Timi‘ aßen wir dann das erste und letzte Mal so richtig in einem Restaurant und genossen den Blick auf die Bega. Ein schöner Abschluss der Reise, welche nach einem ereignislosen Flug dann wieder im verregneten Berlin endete.

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