Als Amateurforscher zu Schneeleoparden: Expeditionsurlaub in Kirgistan

von Bernadette Olderdissen

Als Amateurforscher zu Schneeleoparden: Expeditionsurlaub in Kirgistan

Es ist eine Reise wie keine andere – eine Expedition zum „Geist der Berge“, dem Schneeleoparden, im Tien Shan Gebirge Kirgistans. Auch ihr könnt als Bürgerwissenschaftler dabei sein und mit Biosphere Expeditions, das mithilfe von Normalbürgern und dem deutschen NABU Arten- und Naturschutz betreibt, ein Stück zentralasiatischer Wildnis erforschen. Das Ergebnis übertrifft einen kleinen Beitrag zum Schutz von Umwelt und Tieren – es ist auch eine große Lebenslektion.

Reisebericht

Es ist neun Uhr morgens in Bishkek, Kirgistans Hauptstadt, als vier silberne Geländewagen vollbepackt aufbrechen. An Bord Proviant für knapp zwei Wochen für 13 Expeditionsteilnehmer, den 35-jährigen Expeditionsleiter Amadeus DeKastle, den 67-jährigen ukrainischen Biologen und Wissenschaftler Dr. Volodya Tytar, die zwei kirgisischen Gehilfen Bek und Beka sowie Köchin Gulya. Hinter der Kleinstadt Kochkor geht es über Staubpisten durch grüne Hügel, dahinter schneebedeckte Bergspitzen. Lange Zeit rauscht ein Fluss neben uns her. Helle Jurten punkten die häuser- und menschenleere Landschaft, manchmal grasen Pferde auf Weiden, einmal reitet ein Hirte vorbei.

Unser wildes Zuhause für die nächsten zwei Wochen ist das West Karakol River Valley. Unterwegs erfahre ich mehr darüber, was das für Menschen sind, die meist stolze Summen hingelegt haben, um sich zwei Wochen die Füße im Tien Shan Gebirge wundzulaufen, auf der Suche nach einem Tier, das zu 99% niemand sehen wird. Da ist die Deutsche mittleren Alters, deren Ehemann bis zu seinem Tod in Schneeleopardenprojekte investierte. Der US-Biologe, der nach einer Unterwasserexpedition auf den Malediven nun bereit ist für Artenschutz auf bis zu 4.000 Metern Höhe. Die fast 80-jährige weltreisende Australierin Jan, die mit ihrem Stock und der künstlichen Hüfte nun eine neue Herausforderung sucht. Bei schönstem Sonnenschein erreichen wir unser Basislager auf knapp 3.000 Metern Höhe, an einem Gebirgsfluss, auf dessen gegenüberliegender Seite eine Jurte steht. Auch wir haben drei Jurten, eine zum Kochen, eine zum Zusammensitzen und eine mit kleinem Ofen, um nasse Klamotten und Wanderschuhe zu trocknen. Jeder hat sein eigenes Zelt. Daheim ist nun dort, wo mich eine dünne Plastikwand von den Augen und Strapazen der Außenwelt abschirmt.

Schneeleopardenforscher Crashkurs

In der Nacht sinken die Temperaturen auf das Niveau, wo im Zelt der Atem im Schein der Taschenlampe aufsteigt. Mit selbstaufblasbarer Untermatratze, nagelneuem Schlafsack und Chinadecke schlummere ich jedoch bald wie ein Baby. Nach dem Frühstück – frischen Pfannkuchen von Gulya – ist Training in der Gemeinschaftsjurte angesagt, denn das Motto von Biosphere Expeditions lautet: safety, science, satisfaction. Sicherheit, Wissenschaft, Zufriedenheit. Wenn auf etwa 105.000 Quadratkilometern möglichem Lebensraum zwischen 4.000 bis 7.000 Schneeleoparden leben und nur etwa 350 davon im kirgisischen Gebirge, ist das die Suche nach einem geröllfarbenen Pelz im Geröll. Weswegen es auch im Gegensatz zu einer Safari, bei der man die Big Five abhaken will, auf der Expedition nicht Ziel ist, dass jeder von uns einen Schneeleoparden sichtet. Das Ziel besteht in der Spurensuche nach Schneeleoparden und deren Beutetieren – sprich Abdrücke und Kot von beliebten Schneeleopardensnacks wie Steinböcken, Riesenwildschafen, Schneehühnern und Murmeltieren – um zu begreifen, ob eine bestimmte Zone überhaupt einen geeigneten Schneeleoparden-Lebensraum abgibt.

„60% der Schneeleopardenbevölkerung lebt in China und Tibet“, erzählt Volodya, der seit 2014 die Schneeleopardenforschung im Tien Shan Gebirge leitet. „Normalerweise befindet sich ihr Lebensraum auf 3.000 bis 5.000 Metern, in unebenem, durchbrochenem Terrain, Klippen und Bergrücken.“ Problematisch sei gewesen, dass die zu Sowjetzeiten subventionierten Hirten mit ihren Pferden, Kühen und anderem Vieh immer höher ins Gebirge zogen, um Weideflächen zu finden. „Das vertrieb die Beutetiere und auch Wölfe, Luchse und Braunbären.“ Die ebenfalls Schutz verdienen, aber in zweiter Reihe stehen. „Die Schneeleoparden sind die charismatischsten Tiere und inspirieren die Menschen, sie zu schützen.“ Da die Hirten mittlerweile selbst dafür zahlen müssten, im Sommer Land in den Bergen zu bewirtschaften, kämen weniger. Die Hoffnung besteht nun darin, dass dank den Schneeleoparden die gesamte Region zum Biosphärereservat ernannt wird. Doch wieso werden dazu Laien gebraucht? „Das, was ihr für die Expedition ausgebt, fließt zu 70% ins Projekt, in Personal, Ausrüstung und Transportmittel.“ Staatliche Unterstützung gäbe es nämlich seit Ende der UdSSR nicht mehr, also sei man von Privatpersonen abhängig. „Der Schneeleopard ist ein Symbol Kirgistans und der Berge. Wir wollen die Menschen überzeugen, dass es gut wäre, mehr Besucher in ein Naturschutzgebiet in Kirgistan zu bringen.“ Dann könnte man Hirten zum Beispiel als Ranger ausbilden, denn sie kennten sich am besten in der Gegend aus.

Fotofallen und Wetterlaunen

Unser Job an Tag eins ist es, in zwei Gruppen Fotofallen aufzustellen. Der Arbeitsalltag ist dabei geregelt wie bei einem 9-5 Job, nur, dass es schon um acht Uhr losgeht. Für mich geht es mit Volodya, Beka, Jan und ein paar anderen ins Issyk Ata Tal auf etwa 3.800 Meter Höhe. Mit GPS-Geräten, Datenblättern, Ferngläsern und Funkgeräten bewaffnet, stiefeln wir los. Durch ein langes Tal, wo wir Murmeltiere und Wiesel durchs Fernglas erspähen. Weiße und orange Schmetterlinge flattern um uns herum, auf manchen der schwarzen, blanken Felsen erkennen wir eingeritzte Steinböcke. Alles wird auf den Datenblättern notiert.

Plötzlich zeigt sich vor uns ein tiefblauer See inmitten der Bergmoräne, umgeben von schmelzenden Schneemassen – der ideale Picknickplatz. Ich habe gerade mein Ei gepellt, als es anfängt, in die Tupperdose zu hageln. Volodya mahnt zur Eile – wir sollen weiter rauf, die Fotofallen endlich loswerden. Ein Blitz durchzuckt in der Ferne den Himmel, doch wir haben Glück – bald lässt das Gewitter von uns ab, es bleibt nur die Stille in der kalten, frisch entladenden Luft. Wir positionieren die Fotofallen zwischen Schnee und Felsen. Geschafft! Glauben wir.

Nicht immer, wenn ein Unwetter abgezogen ist, heißt es Aufatmen. Kaum sind wir von der Gipfelnähe über Schnee, Felsbrocken und Steine wieder runtergekraxelt, verschwört sich der Himmel zum zweiten Mal gegen uns. Auf dem Talweg schlagen Regen und erneuter Hagel auf uns ein. Meine angeblich wasserfeste Jacke saugt die kalte Nässe auf, die Wanderhose klebt an den Beinen, die Schuhe füllen sich mit Wasser. Es gibt nur noch ein Ziel: die beiden Autos am Startpunkt. Raus aus den nassen Klamotten, irgendwie aufwärmen. Als wir in Unterwäsche und bei hochgedrehter Autoheizung dasitzen, werden wir zur echten Gruppe. Können bald schon wieder lachen. Und aufatmen, als ich es geschafft habe, langsam Beka, der vorfährt, nachzufahren, über so matschige Wege, dass selbst das Profil des Geländewagens nicht immer greift. Aber wir kommen an. Bei strahlendem Sonnenschein.

Die ersten Tage verfluche ich meine Blase für einen Weckruf mitten in der Nacht. Anstatt nochmal zu den Toilettenzelten runterzustolpern, suche ich mir ein gemütliches Plätzchen jenseits der Zelte. Und schaue beiläufig nach oben. Da erblicke ich sie – die Milchstraße. Milliarden von Sternen, die sich in einem riesigen Schweif über den Himmel ziehen, direkt über mir. Er wird zu meinem nächtlichen Glücksmoment – einige Minuten mit diesem milchigen Sternenband, das sich für unsere Augen nur manifestiert, wenn die Lichtverschmutzung der Städte sehr weit zurückliegt.

Die Überraschung

Nach einem Entspannungstag am Sonntag bleiben uns noch fünf Tage, um Ergebnisse zu sammeln und die meisten aufgestellten Fotofallen wieder einzuholen. An diesem Tag ist der Boden an manchen Stellen voll von Federn und länglichen, hellen Ausscheidungen, wie sie nur Schneehühner hinterlassen, eins der Lieblingsessen der Schneeleoparden. Irgendwann kommen wir dort an, wo laut GPS-Daten eine Fotofalle steht. Die erste, die wir einsammeln. Ob die Kamera wohl Aufnahmen gemacht hat? Es gibt viel schwarzes Nichts. Dann ein paar Hirten mit Pferden oder Hunden. „Sie klettern auf den Gipfel, weil sie dort Handyempfang bekommen“, erklärt Volodya. Auf einmal schreit Jo auf – auf einem der Bilder erkennt man ein paar Schneehühner, auf dem nächsten einen Steinbock. Wir spulen weiter, einige Nachtaufnahmen folgen, vom 24.7. um 21.10 Uhr. Ein glühendes Paar Augen starrt uns vom Bildschirm an, aus einem katzenartigen Kopf. „Ein Schneeleopard!“ Soll es wirklich wahr sein? Volodya studiert das Bild. „Könnte sein, aber ich muss mir die Aufnahme vergrößert am Laptop anschauen.“ Dass seit Beginn des Projekts 2014 nicht ein einziges Mal, nicht einmal auf einer Fotofalle, ein „Geist der Berge“ gesichtet wurde, entmutigt uns nicht.

Wenige Stunden später, bei unserer Abendbesprechung, bekommen wir Volodyas Okay: Es ist ein Schneeleopard, den die Fotofalle da geblitzt hat. Eine Riesenfreude für uns, ein Riesenerfolg für das Projekt. Der sich auch in den letzten Tagen nicht mehr toppen lässt. Doch das Gesamtergebnis beider Expeditionen dieses Sommers kann sich sehenlassen: Von allen Zellen von 2x2 Kilometer Größe, in die das Forschungsgebiet eingeteilt wurde, haben wir 35 durchforstet, und in 26 davon fanden wir Hinweise auf Beutetiere des Schneeleoparden. Dazu kommen 41 Vogelarten und 23 Schmetterlingssorten, die teils zum ersten Mal in der Region gesehen wurden. Um nicht die Petroglyphen und ein paar Grabhügel zu vergessen.

Ende gut, alles gut

Am Freitagabend, vor unserer letzten Nacht in der Wildnis, machen wir ein großes Lagerfeuer aus allem brennbaren Müll. Die Flammen schlagen hoch, eine CD im Autoradio dient als Hintergrundmusik. Manche tanzen, andere genießen die letzten Tropfen Wein oder eine Flasche Wodka. Jan, die nach mehreren Gläschen selbst mit Krücke nicht mehr geradesteht, schaut in den Himmel. Noch einmal läuft über uns die Milchstraße zur Höchstform auf. „Ich habe mich jeden Abend in meinem Zelt gefragt hat, warum ich mir das antue.“ Sie seufzt, schaut über den Fluss zur weißen Jurte unseres Flussnachbarn, der oft mit seinem Pferd durch den Fluss geritten ist. „Jetzt weiß ich es.“ In einer Geste umfasst sie die Milchstraße, die Jurte, die Weite um uns.

Jan spricht mir aus dem Herzen. Ja, es hat sich gelohnt. Sicher nicht für jemanden, der wie auf der üblichen Afrika-Safari schnell ein paar wilde Tiere auf seiner „To-see-Liste“ abhaken will. Auch nicht für jemanden, der Natur nur in Form von Glamping aushält. Aber es lohnt sich für jeden, der ein klitzekleines bisschen für die Natur und die Tiere tun möchte. Und der ebenso offen ist für die Lebenslektionen, die so eine Expedition mitbringt. Der begreifen kann, dass es nicht wichtig ist, den Gipfel jedes Berges zu erklimmen. Denn Leben spielt sich auch oder vor allem unterhalb der höchsten Höhen ab, dort, wo das Tal weit und grün ist und dort, wo es steinig wird. Die Suche nach dem Schneeleoparden hat bewiesen, welch wunderbares Gefühl sich einstellt, wenn auch nur ein winziger Erfolg eintrifft, und sei es das leicht verschwommene Bild einer Wildkatze, das für eine Region und ein Land viel bedeuten könnte.

Die Expedition erfolgte auf Einladung von Biosphere Expeditions und dem NABU.
Biosphere Expeditions ist eine gemeinnützige Naturschutzorganisation, die es Laien ermöglicht, sich als sogenannte Bürgerwissenschaftler aktiv in den Natur- und Artenschutz einzubringen. Biosphere Exhibitions bietet Expeditionen innerhalb Europas und weltweit an, bei denen jeweils verschiedene schutzbedürftige Tiere im Mittelpunkt stehen. Dabeisein kann jeder, unabhängig vom Alter, der durchschnittlich fit ist.

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