Acht Meter gegen den Strom: Segeln in Neuseeland (Teil 1)

Acht Meter gegen den Strom: Segeln in Neuseeland (Teil 1)

Im rötlich-violetten Abendlicht wirken die Klippen in der Cookstraße zwischen Neuseelands Nord- und Südinsel besonders eindrucksvoll. Die Wolkenfetzen am Himmel und die schwarzblauen Wellen des Pazifiks tun ihr Übriges. Einen Sonnenuntergang auf der Südhalbkugel kann man nicht beschreiben, man muss ihn erleben. „Wir sind in diesem Moment die Einzigen, die diese Erfahrung machen“, lässt die Magie des Augenblicks selbst meinen neuseeländischen Partner T.A. nicht unberührt.

Reisebericht

Acht Meter gegen den Strom

Auch ohne mich umzuschauen weiß ich, dass er Recht hat. Seitdem wir vor etwa 50 Stunden aus Napier in Hawkes Bay aufgebrochen waren, waren wir in unserer acht Meter langen Raven26, „S.V. Kahu” die Einzigen weit und breit. Das lag nicht nur am starken Nordwind und drei Meter hohen Wellen, die Segeln südwärts erschwerten.

Ost- versus Westküste

Wer in Neuseeland Richtung Süden möchte, wählt normalerweise nicht die Ost-, sondern die Westküste. Auch wenn Letztere auf den ersten Blick wegen der fehlenden Ankermöglichkeiten anstrengender erscheint, herrschen stabilere Wind- und Wetterbedingungen. Wir hatten uns dennoch für die Route über die Ostküste entschieden. „Wir schwimmen gern gegen den Strom“, die Begründung meines Partners ist nicht die einzige Erklärung. Ursprünglich wollten wir bereits im Oktober von Tauranga via Hauraki Golf, Bay of Islands, Cape Reinga über die Westküste auf die Südinsel gelangen. Damit hätten wir nicht nur die empfohlene Segelroute gewählt, sondern wären außerdem den Tropenstürmen entkommen, die alljährlich ab Ende Dezember die Nordinsel unwirtlich machen. Wie so oft aber beim Segeln zwang uns eine Mischung aus Wind, Wetter und anderen Umständen zur Planänderung.

Leinen los!

Erst Mitte Dezember konnten wir die Leinen lösen. Bis zum Jahreswechsel wollten wir in unserem 38 Jahre alten Fiberglas-Boot die rund 600 Seemeilen bis Queen Charlotte Sounds zurücklegen. Die ersten Etappen bis Tikirau führten uns vorbei an dicht bewaldeten, dünn besiedelten Gebieten auf die Spuren der indigenen Maori. „Hier lag die östliche Grenze des Mataatua Waka (Anm.: eines der polynesischen Kanus)“, erzählte mein Partner - selbst Maori -, „die Menschen, die damit von den polynesischen Inseln gekommen sind, haben die gesamte Bay of Plenty besiedelt.“ An die einstigen Siedlungen erinnern heute nur ein paar vereinzelte Häuser. Die Abgeschiedenheit der Ostküste macht sich nicht nur an Land bemerkbar, auch für Fischer ist sie zu weit weg vom Schuss. Dementsprechend beobachten wir zahlreiche Fisch- und Vogelschwärme; der bisherige Höhepunkt aber wartete in der Bucht von Te Kaha: „Da sind Orcas“, deutete mein Partner auf einen Punkt, den bloß sein geschultes Auge als Meeresbiologe eindeutig identifizieren konnte. Bald darauf hatten wir die Schule, die aus zwei Jungen und zwei Erwachsenen bestand, eingeholt. Es blieb nicht unsere einzige Begegnung: Bei Cape Kidnappers trafen wir die anmutigen Wale erneut.

Segelspaß im Pazifik

Weniger spektakulär war das Wetter der ersten Tage. Das sollte sich rasch ändern. Nachdem Sturmböen um die 40 – 50 Knoten zuerst aus Nord-, dann aus Südwesten angekündigt waren, mussten wir in Hicks Bay Zuflucht suchen. Tatsächlich bot die U-förmige Bucht guten Schutz, der Wellengang aus dem Süden aber machte den Ankerplatz zur reinsten Hochschaubahn. Trotzdem klammerten wir uns notgedrungen an Hicks Bay als Rettungsanker – so wie es Jahrhunderte zuvor die Polynesischen Stämme getan hatten. Für sie bestand hier die letzte Möglichkeit, vor Südamerika oder Antarktika an Land zu gehen. Verpasste man Hicks Bay, standen lange Stunden auf dem Ozean bevor. Letztere erwarteten auch uns, als wir drei Tage später die Bucht verließen, um ums East Cape zu segeln. Aus den geplanten zwei Stunden wurden fünf: Zuerst fehlte der Wind, dann mussten wir 15 Seemeilen ostwärts segeln, um fünf Seemeilen südwärts voran zu kommen, später kämpften wir mit Böen von 20 Knoten aus Südosten und gegen vier Meter hohe Wellen. Diese Unberechenbarkeit zerrte die nächsten Tage an unseren Nerven. „Hast du vergessen, wie viel Spaß segeln im Pazifik macht?“, fragte T.A. sarkastisch, nachdem eine der übermannshohen Wellen, auf denen wir um die Halbinsel Mahia in rekordverdächtigen acht Knoten surften, unser Weihnachtsessen mit einer Extraprise Meersalz gewürzt hatte. Spaß hin oder her: Wir hatten ein Zeitfenster von zwei Tagen, um nach Napier zu gelangen, bevor Windgeschwindigkeiten von 45 Knoten und sechs Meter hohe Wellen über die Nordinsel einfielen.

Wettlauf gegen die Zeit

Nach siebentägiger Zwangspause in Napier hissten wir erneut die Segel. Auch diesmal stand ein Wettlauf gegen die Zeit bevor: Wir hatten ein Vier-Tages-Fenster, um vor einem weiteren Wetterumschwung in die Marlborough Sounds zu gelangen. Die anfänglichen 10 Knoten Südwind waren vielversprechend, doch 15 Seemeilen vor Cape Kidnappers drehte sich der Wind. Wir mussten 30 Seemeilen auf den Ozean hinaus segeln, um etwas Stoßkraft zu erhalten, kamen aber wegen der rauen See kaum voran. Bei Nachtanbruch stiegen wir auf Motorsegeln um, um endlich Meilen zu machen. Der Plan ging auf: Am Morgen waren wir rund 35 Seemeilen von Castle Point entfernt, kreuzten auf der Höhe von Honeycomb Point Richtung Küste und umrundeten 30 Seemeilen später Cape Pallister. Dort wartete eine Überraschung auf uns.

Endspurt mit großem Kino

Ausgerechnet diese gefürchtete Strecke empfing uns mit ruhiger See, Windstille - und großem Kino: Die Küste vor Wellington lag in einem Nebelschleier, der sich plötzlich auf dem Ozean breit machte. Eben so schnell verschwand er wieder und öffnete den Vorhang für Albatrosse, die elegant um Kahu tanzten. Es war ein herrliches Schauspiel, doch die nächste Herausforderung wartete schon: Wir hatten zu lange für die Strecke benötigt und mussten den Wechsel der Gezeiten abpassen, um an den Brothers Inseln vorbei in den Queen Charlotte Sounds zu segeln. Es sollte die letzte Nervenprobe des Tages sein. Als wir bei Dunkelheit in der Ship Cove Bay Anker legten, konnten wir nur an eines denken: Wir waren angekommen. Statt wie in den vergangenen drei Wochen Strecke zu machen, wollten wir im nächsten Monat durch die Marlborough Sounds cruisen. Statt gegen den Strom zu segeln, konnten wir uns entspannt treiben lassen – endlich!

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